Lieber Börsianer,

plötzlich steht der konservative Abgeordnete Phillip Lee auf, begibt sich während der laufenden Sitzung des britischen Unterhauses auf die Seite der Opposition und nimmt Platz auf den Bänken der Liberaldemokraten. Ein Bild mit Symbolkraft!

In diesem Augenblick hatte die Johnson-Regierung bereits ihre Mehrheit im britischen Unterhaus verloren. Später wurde es dann richtig unangenehm für Brexit-Boris. Weitere 21 Tory-Abgeordnete widersetzten sich dem Fraktionszwang und stimmten gemeinsam mit der Opposition gegen Boris Johnson. Noch am selben Abend wurden die Abweichler aus der Tory-Partei ausgeschlossen.

Der Austritt Großbritanniens zum 31. Oktober aus der EU ist damit vom Tisch. Nächste Woche wird dann das britische Parlament aller Voraussicht nach Neuwahlen beschließen.

Vor allem an den europäischen Börsen sorgten die Vorgänge im politischen London unter den Investoren für einen kleinen Euphorieschub. Der DAX rückte fast 2,5 % voran und eroberte die Marke von 12.000 Punkten zurück. Die Nebenwerte des TecDAX schafften in dieser Woche sogar einen Zuwachs von fast 3 %. Das ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir erwarten dürfen, wenn es Europa tatsächlich gelingt, die Brexit-Frage abzuhaken.

Noch ist es nicht soweit. Zumal wir nicht wissen, welche Mehrheiten die vorgezogenen Neuwahlen auf den britischen Inseln hervorbringen werden. Immer noch sprechen sich 48 % der Briten – gemäß einer jüngeren Umfrage – für einen Brexit aus, auch wenn die Mehrheit der Brexit-Befürworter einen geregelten Austritt bevorzugt. Kurzfristig erscheint mir der Optimismus der Marktteilnehmer etwas übertrieben. Denn in der Kernfrage ist London in dieser Woche nicht vorangekommen. Unverändert wissen wir nicht, ob der Brexit kommt, wann er kommt und wenn ja in welcher Form.

Diesen Befund bestätigt letztlich auch das Chartbild des DAX. Der seit 2018 aktive Abwärtstrend – im Chartbild rot eingezeichnet – ist unverändert intakt, auch wenn der Leitindex in den kommenden Tagen theoretisch ein Kaufsignal generieren kann. Diesen Bruch des Abwärtstrends erwarte ich allerdings noch nicht für den laufenden September.

Investoren feiern nochmals jüngste Geschäftszahlen der Isra Vision

Die jüngsten und starken Geschäftszahlen des Spezialmaschinenbauers Isra Vision (30. August) sind offenbar zunächst einigen Investoren entgangen. So reagierte man erst in dieser Woche und deckte sich massiv mit Isra-Aktien ein. Per saldo legte die Tech-Aktie in dieser Woche sprunghaft rund 20 % zu.

Gleichzeitig hat das US-Researchhaus Jefferies erstmals die Isra-Aktie bewertet und dabei eine Kaufempfehlung ausgesprochen. Auf Sicht von 12 Monaten sieht Martin Comtesse als verantwortlicher Analyst ein Kursziel von 44 Euro. Comtesse lobte dabei die einzigartige Marktstellung des Darmstädter Unternehmens. Man verfügt über tiefe Branchenkenntnisse und gewachsene Kundenbeziehungen in nahezu allen Industrie-Branchen.

Das ist großes Lob aus berufenem Mund für Isra Vision. Schließlich bewertet Jefferies ansonsten eher die Tech-Champions des US-Marktes. Nur in begründeten Ausnahmefällen befasst man sich mit europäischen Tech-Aktien.

Ich schließe mich dem Urteil meines US-Kollegen an und hebe das Kauflimit für die Aktie von 31,00 auf 35,00 Euro an. Das langfristige Kursziel sehe ich unverändert bei 59,00 Euro.

Deutsche Post: Streetscooter plant großen Markteintritt in China

Die Tochter der Deutschen Post, die Streetscooter GmbH, wird gemeinsam mit dem chinesischen Autobauer Chery Holding Elektro-Transporter für den chinesischen Markt entwickeln und produzieren. 2021 soll dann in China die Serienproduktion starten. Insgesamt planen die beiden Unternehmen mittelfristig eine Produktion von 100.000 Einheiten pro Jahr. Das ist gewaltig. Zum Vergleich: Bislang kommt Streetscooter an den beiden Standorten Aachen und Düren (Nordrhein-Westfalen) auf eine maximale Produktionskapazität von 10.000 Einheiten pro Jahr.

Insgesamt soll der Aufbau der China-Produktion rund 500 Millionen Euro kosten. Dabei übernimmt die chinesische Seite die Finanzierung dieser Investition. Streetscooter hingegen bringt die entsprechenden Patente sowie Expertise und Erfahrung in die deutsch-chinesische Kooperation ein. Mittelfristig will man aus China auch für den Weltmarkt produzieren. Genau deshalb hat man die Produktionskapazitäten im Reich der Mitte recht großzügig geplant.

Für die Post-Tochter kann diese Kooperation den Durchbruch bringen. Bisher hat Streetscooter vor allem für das eigene Mutterunternehmen produziert. Nur rund 2.000 Streetscooter wurden bisher hierzulande extern, also etwa an Handwerker oder städtische Betriebe, verkauft. Hier wirkt für die Post-Tochter nachteilig, dass die meisten Paketdienste wie UPS, FedEx oder Hermes die Streetscooter nicht kaufen, obwohl die Fahrzeuge perfekt auf die Paketauslieferung abgestimmt worden sind. Der Zusammenhang ist offensichtlich: Niemand kauft gerne bei der direkten Konkurrenz.

Auch deshalb ist die Kooperation mit den Chinesen für die Deutsche Post so wertvoll. Endlich verlässt man die Nische und greift möglicherweise mittelfristig sogar in den Weltmarkt aus. Aber selbst allein der chinesische Paketmarkt bietet Streetscooter enormes Wachstumspotenzial. Hierzu einige Zahlen: 2018 wurden im Reich der Mitte ungefähr 40 Milliarden Pakete bis 31,5 Kilogramm versendet. Damit ist der dortige Markt gemessen an der versendeten Stückzahl doppelt so groß wie der Paketmarkt Japans und der USA zusammengenommen.

Ich rate Ihnen unverändert, an der Aktie der Deutschen Post festzuhalten. Mit diesem Basistitel besetzen wir das Trendthema Klimawende bzw. grüne Logistik.

Encavis-Aktie kurzfristig unter Druck – Nutzen Sie die Kursdelle zum Kauf

Die Encavis-Aktie entwickelte sich in dieser Woche schwach. Ursächlich für den Kursrückgang in Höhe von rund 7 % war zunächst eine technische Reaktion auf die massiven Kursgewinne der Vorwoche. Hier jagte die Aktie durch die Decke, nachdem die Unternehmensführung die Prognose für das laufende Geschäftsjahr angehoben hatte.

Außerdem nutzte das Unternehmen das starke Kursniveau, um eine bestehende Wandelanleihe um etwas über 50 Millionen Euro aufzustocken. In der Praxis funktioniert eine solche Wandelanleihe immer wie eine aufgeschobene Kapitalerhöhung. Dieser Effekt verwässert also in der Zukunft den Gewinn pro Aktie. Diese Gewinnverwässerung hat die Börse in dieser Woche nun eingepreist.

Nutzen Sie jetzt die Kursdelle zum Kauf, sofern Sie bisher in dieser Klima-Aktie noch nicht investiert sind. Fassen Sie zu Kursen bis 8,15 Euro zu (Kauflimit).



Mit Börsianer-Grüßen und besten Wünschen für Ihr Wochenende

Alexander von Parseval