Lieber Börsianer,

in dieser Woche erreichte die Berichtsaison in den USA ihren ersten Höhepunkt. Wichtige Leuchtturm-Unternehmen öffneten ihre Bücher und stellten das Zahlenwerk des vergangenen Quartals vor. Dabei hatten die Unternehmen – wie z.B. Tesla, Microsoft, Apple oder erst gestern Amazon – durch die Bank frohe Kunde für die Anlegerschaft. Dennoch war niemand begeistert. Die positiven Quartalszahlen verpufften wirkungslos. Ganz im Gegenteil: Der DAX tendiert derzeit tiefrot und wird die Woche voraussichtlich mit einem Minus von über 3 % beenden. Noch schwächer präsentierten sich die Börsen in Südkorea und Hongkong, die jeweils fast 6 % abgaben.

Derzeit belastet vor allem der in China grassierende Coronavirus den Aktienmarkt. In der Krisenregion rund um die Stadt Wuhan ist das öffentliche Leben mittlerweile weitgehend kollabiert. Wuhan gleicht einer Geisterstadt. Aber auch im Rest des Landes spürt man die Auswirkungen der Pandemie. Die Börsen in Shanghai und Shenzhen sind geschlossen. Einzelhändler haben die Öffnungszeiten ihrer Filialen reduziert. In vielen Unternehmen ruht die Arbeit sogar ganz.

Auch ausländische Unternehmen sind betroffen. So befürchtet Apple Produktionsengpässe, nachdem bei vielen Zulieferern in China die Bänder stillstehen. Die Kaffeehauskette Starbucks hat die Hälfte seiner 4.300 Filialen in China auf unbestimmte Zeit geschlossen. Auch in 300 McDonald´s-Restaurants ruht derzeit der Betrieb.


Das sind unsere China-Opfer: Baidu zunächst bitte verkaufen

Derzeit halten wir im Trenddepot drei Unternehmen, die von der Thematik direkt betroffen sind. Leider müssen wir bei diesen Positionen derzeit spürbare Rücksetzer hinnehmen. Das sind die Unternehmen bzw. Aktien.

Naheliegenderweise leidet derzeit die Baidu-Aktie unter der Coronavirus-Pandemie. Ungünstig wirkt im Hintergrund zudem, dass – wie bereits erwähnt – die Festland-chinesischen Börsen geschlossen sind. Deshalb konzentriert sich der Verkaufsdruck derzeit auf diejenigen China-Titel, die im Ausland bzw. in Hongkong handelbar sind.

Hier müssen Sie jetzt aktiv werden. Ich verkaufe die Aktie der Baidu ohne Limit (bestens) über den Handelsplatz Tradegate. Meine Verkaufsempfehlung sagt dabei nichts aus über die Qualität des Unternehmens. Kurzfristig ist es mir nur wichtig, etwas China-Risiko aus dem Depot zu nehmen. In ein bis zwei Wochen kaufen wir dann den Titel zurück oder holen uns eine vergleichbare China-Aktie ins Depot.

China-Opfer Nr. 2 ist die VW-Aktie. Bekanntlich ist der Wolfsburger Autobauer hochgradig vom chinesischen Automarkt abhängig. Rund 40 % der Produktion setzt man dort ab. Derzeit hat VW die Produktion in China mindestens bis zum 9. Februar suspendiert.

Heute wurde bekannt, dass VW seine Mehrheitsbeteiligung an der Augsburger Renk AG an einen Finanzinvestor veräußern wird. Renk ist ein weltweit führender Spezialist für Antriebs- und Getriebetechnik und beliefert vor allem große Industrieunternehmen. Insgesamt wird VW aus der Transaktion 500 Millionen Euro erlösen, wovon 150 Millionen Euro als außerordentlicher Gewinn zu verbuchen sind.

Gleichzeitig greift VW über seine Nutzfahrzeuge-Tochter Traton (MAN, Scania) nach dem Lkw-Hersteller Navistar aus Chicago. Traton hält an dem US-Unternehmen bereits eine Minderheitsbeteiligung in Höhe von 17 % und kooperiert bereits seit 3 Jahren erfolgreich mit dem Lkw-Bauer aus Chicago. Nach meinen Berechnungen wird Traton rund 2,9 Milliarden US-Dollar für die Übernahme bezahlen. Dafür sichert sich die VW-Tochter einen Umsatz in Höhe von rund 11 Milliarden US-Dollar und einen Gewinn von rund 220 Millionen US-Dollar. Also, der Preis ist damit sehr vernünftig. An der VW-Aktie halten wir weiterhin fest. In absehbarer Zeit wird man hier auch wieder die positiven Nachrichten am Markt würdigen.

Die Aktie der Isra Vision leidet ebenfalls unter der China-Problematik. In den letzten Jahren hatte sich das mittelständische Unternehmen gewisse Marktanteile im Reich der Mitte erobert. Erst Ende letzten Jahres meldete man einen wichtigen Neuauftrag aus China im Volumen von 3 Millionen Euro. Hier erwarte ich, dass der Auftraggeber bei Isra Vision um eine Verschiebung nachfragen wird. Gleichwohl halten wir auch an dieser Aktie fest. Im Folgenden lesen Sie warum.


Höhepunkt der Pandemie steht in wenigen Tagen bevor

Derzeit berichten die Medien laufend aus China und melden quasi stündlich neue Coronavirus-Fälle. Auch viele Börsianer werden angesichts solcher Nachrichten nervös. Gegen diesen Zustand helfen allerdings Fakten.

Seit 1994 wurde diese Welt von 11 schweren Pandemien heimgesucht. Ich habe nun untersucht, wie der Aktienmarkt (S&P 500) in den 12 Monaten nach Ausbruch der Pandemien abgeschnitten hat. Das Ergebnis überrascht in seiner Klarheit: In 8 Fällen legte der Aktienmarkt nach Ausbruch der Pandemie prozentual zweistellig zu. Lediglich in einem Fall stand ein Miniverlust von 0,73 % am Ende des untersuchten Zeitraums zu Buche.

Zwei Beispiele: Ende 2002 brach in China die SARS-Pandemie aus. In den darauf folgenden Monaten legte der marktbreite S&P 500 um 21 % zu. 2009 griff die Schweinegrippe von Mexiko auf die USA über und wütete damit quasi im Kraftzentrum der Weltwirtschaft. Weltweit starben an dem H1N1-Virus über 18.000 Menschen. 12 Monate nach Ausbruch der Pandemie verbuchte der S&P 500 einen Gewinn in Höhe von fast 36 %.

Die empirischen Daten sind eindeutig: Pandemien wirken weder mittel- noch langfristig messbar auf den Aktienmarkt. Über die Entwicklung der Börsen haben in den untersuchten Zeiträumen regelmäßig andere Faktoren entschieden.

Die chinesischen Behörden gehen derzeit davon aus, dass die aktuelle Pandemie – gemessen an der Anzahl der Neuinfizierten pro Tag – in 7 bis 10 Tagen ihren Höhepunkt erreichen wird. Diese Angabe halte ich für glaubwürdig. Sie entspricht ziemlich genau dem Zeitraum, für den Peking für viele Unternehmen und Behörden einen Zwangsurlaub verfügt hat. Ab diesem Zeitpunkt wird die Anzahl der Neuinfizierten pro Tag rasch zurückgehen. Damit wird auch die Börse wieder Ruhe finden, und die China-Opfer VW, Isra Vision und Baidu werden sich rasch erholen.

Aus dieser Prognose leitet sich logisch meine Taktik für die nächsten Tage ab. Ich empfehle Ihnen kurzfristig, von Neuanschaffungen Abstand zu nehmen. Deshalb stufe ich nun alle Wertpapiere des Trenddepots als Halteposition ein.

Mit Börsianer-Grüßen und besten Wünschen für Ihr Wochenende

Alexander von Parseval