Lieber Börsianer,
die Schüler mag es freuen. In einer Vorortgemeinde der US-Metropole Seattle werden nun 23.500 Schüler in Corona-Ferien geschickt. Mittlerweile sind 11 Menschen in der Region (US-Bundesstaat Washington) an der Covid-Atemwegserkrankung verstorben. Dabei müssen Sie wissen, Seattle liegt jetzt nicht irgendwo in der ländlichen Peripherie, sondern ist eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren der USA. In der Umgebung sind unter anderem Unternehmen wie Microsoft, Amazon und Facebook mit großen Verwaltungs- und Bürokomplexen angesiedelt. Hier werden nun die Mitarbeiter aufgefordert, sofern irgendwie möglich, zunächst von zu Hause aus zu arbeiten.

Damit ist die USA das vierte Land nach China, Hong Kong und Italien, in dem das öffentliche Leben nun eingeschränkt worden ist. Viele Virologen fordern ähnliche Maßnahmen für Deutschland. Unsere obersten Gesundheitswächter vom Robert Koch-Institut raten allerdings derzeit noch von pauschalen Schließungen öffentlicher Einrichtungen ab.

Angesichts dieser Nachrichtenlage sacken die europäische Aktienmärkte auch in dieser Woche weiter ab, auch wenn der ganz große Verkaufsdruck allmählich aus dem Markt weicht. Per saldo wird der DAX diese Woche mit einem Minus von deutlich über 2 % beenden. Etwas stärker präsentiert sich der US-Aktienmarkt. Hier werden die Aktien wahrscheinlich sogar mit einem kleinen Plus aus der Woche gehen.

Die Stimmungsindikatoren wie der VDAX zeigen zurzeit an, dass der Pessimismus so ausgeprägt wie seit 2011 nicht mehr ist. Damals wackelten in Europa vor allem südeuropäische Länder wie Spanien, Griechenland oder Italien, sodass am Markt Sorgen aufkamen, dass der Euro umkippt. Davon kann übrigens derzeit keine Rede sein. Im europäischen Anleihenmarkt beobachte ich bei den Südeuropäern nur unbedeutende Abflüsse, während Staatsanleihen aus Deutschland, Österreich oder etwa den Niederlanden stark gesucht werden.

Ich denke derzeit von Woche zu Woche. Die Stimmungsindikatoren legen nahe, dass sich der Markt in sehr absehbarer Zeit zumindest stabilisieren wird. Natürlich können wir uns eine solche Stabilisierung oder sogar Wende im Moment kaum vorstellen. Rhetorische Frage: Wo soll dieses Wunder herkommen? Andererseits kann ich mich auch nicht daran erinnern, dass irgendein Analyst Ende 2008 – auf dem Höhepunkt der Banken- und Finanzkrise – den Turnaround des Aktienmarktes prognostiziert hätte. Tatsächlich starteten die Märkte zwischen Oktober 2018 und Januar 2009 eine 10-jährige Haussephase. Das wird auch diesmal nicht grundsätzlich anders sein. Denn an der Börse gilt eine Regel: Je größer die Panik, desto näher die Wende.

Was tun wir? Wir halten weiterhin an unserem Short gegen den S&P 500 fest. Außerdem gilt unverändert: Cash ist König. Trotzdem rate ich von Not- und Panikverkäufen bestehender Aktienpositionen ab. Möglicherweise werden Positionen wie Deutsche Post, VW oder auch Encavis in den kommenden Tagen nochmals gebeutelt. Allerdings werden diese letzten Verluste üblicherweise sehr rasch wieder aufgeholt, sobald der Markt dreht. Wer also jetzt noch verkauft, wird in einigen Monaten feststellen, dass diese Maßnahmen nicht mehr zielführend waren.


Deutsche Post stellt den Streetscooter ein

Die Deutsche Post wird künftig keine Elektrotransporter des Typs Streetscooter mehr produzieren. Stattdessen wird sich der Logistiker wieder auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Die Tochter Streetscooter soll nach den Plänen der Unternehmensführung künftig nur noch als eine Art Werkstatt fungieren, die die E-Transporter der DHL-Flotte wartet.

Diese strategische Entscheidung der Unternehmensführung überrascht. Schließlich hatte man erst im September letzten Jahres die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit dem chinesischen Autobauer Chery vereinbart. Rund 500 Millionen Euro wollte sich die Post diese Unternehmung kosten lassen. Ab 2021 wollte man 100.000 E-Transporter für den chinesischen Markt produzieren. Ich hatte seinerzeit den Eindruck gewonnen, die Post macht jetzt im Wachstumsmarkt E-Mobilität ernst.

Möglicherweise gibt es allerdings noch einen kleinen Trostpreis für die Post. So erwägt der Streetscooter-Gründer Günther Schuh einen Rückkauf des Unternehmens. Einen bedeutenden Preis wird die Post hier allerdings kaum herausschlagen können. Denn bereits zuvor war ein Verkauf des Unternehmens an den chinesischen Partner Chery gescheitert. In diesem Kontext wird Günther Schuh sicherlich keine Mondpreise aufrufen.

Damit ist die Aktie der Deutschen Post für das Trenddepot des RENDITE TELEGRAMM nicht mehr geeignet. Zu Erläuterung für die Neuleser unter Ihnen: In diesem Börsendienst investieren wir vorwiegend in Trend- und Technologiethemen. Ein solches Thema bietet uns die Deutsche Post nun nicht mehr.

Gleichwohl wäre ein sofortiger Verkauf der Aktie im gegenwärtigen Umfeld Unsinn. Ungeachtet des Scheiterns des Streetscooter-Projektes ist die Post immer noch ein solider DAX-Wert, den ich nicht „verschenken“ möchte. Sobald sich der Gesamtmarkt beruhigt hat, werde ich für die Aktie ein geeignetes Kursziel ermitteln. Folglich lautet meine Empfehlung: zunächst weiter halten.

Volkswagen gibt weiter Gas: Im Herbst startet der ersre voll elektrische SUV

Der norddeutsche Autobauer drückt weiterhin ungeachtet der schwierigen Autokonjunktur mächtig auf das Gaspedal. So soll noch Ende dieses Jahres der erste voll elektrische SUV aus dem Hause VW auf den Markt kommen. Zunächst wird der ID.4 – so der Markenname des neuen Modells – als Heckantrieb ausgeliefert. In einem zweiten Schritt wird man den SUV dann auch als Allrad-Variante anbieten. Der ID.4 orientiert sich technisch stark an seinem Brudermodell, dem ID.3. Im Prinzip setzen die Wolfsburger nur eine andere Karosserie auf das Chassis und den Elektro-Motor. Im Herbst soll der neue SUV dann erstmals auf Deutschlands Straße kreisen. Insgesamt soll das E-Modell mittelfristig für alle relevanten Automärkte produziert werden.

Unterdessen wurde bekannt, dass die Software des ID.3 immer noch fehlerbehaftet ist. Dennoch hält man am Ausliefertermin für das E-Auto der Golfklasse fest. So soll die sog. First Edition, also die ersten 40.000 Fahrzeuge, im Sommer an die Kunden in Europa ausgeliefert werden. Das Normal-Modell des ID.3 soll dann im Herbst starten.

VW tut gut daran, die neue voll elektrische ID-Familie jetzt und in den kommenden Monaten schnell auszubauen. Schließlich greift Konkurrent Tesla bekanntlich nun massiv an und wird seine europäische Produktion in Deutschland (Brandenburg), also im VW-Heimatmarkt aufbauen. Genau hier wird übrigens ab 2021 der Tesla Y, also der direkte Konkurrent des ID.4, gebaut.

Die VW-Aktie leidet derzeit besonders unter dem Corona-Virus, zumal China der wichtigste Einzelmarkt für die Wolfsburger ist. Dennoch sehe ich mittlerweile Licht am Ende des Tunnels, zumal in China die Pandemie allmählich an Schärfe verliert. So geht die Anzahl der Neuinfektionen von Tag zu Tag zurück. Hier erwäge ich einen Nachkauf, sobald sich der Aktienmarkt wieder stabilisiert hat. Meine Empfehlung lautet daher: weiterhin halten.


Mit Börsianer-Grüßen

Alexander von Parseval