Lieber Leser,

das war ohne Frage die Woche der Europäer. Während die US-Indizes zuletzt nur noch moderat vorankamen, gingen in Europa die drei großen Indizes unisono steil. So rückten der DAX, der französische CAC 40 und der italienische FTSE-Index in dieser Woche jeweils zwischen 5 und fast 7 % vor.

Das ist keine Übertreibung: In den vergangenen Tagen haben Investoren hunderte Milliarden in den europäischen Aktienmarkt eingeschossen. Zur Verdeutlichung: Allein der DAX-Anstieg dieser Woche wiegt rund 60 Milliarden Euro.

Dabei kamen die frischen Mittel aus allen Himmelsrichtungen und aus allen Währungsräumen. Folglich wertete der Euro im internationalen Handel spürbar auf. Gegen den Schweizer Franken machte die Gemeinschaftswährung rund 2 %, gegen den US-Dollar etwa 2,5 %. Das ist vielleicht ein kleiner Wermutstropfen in dieser großartigen Börsenwoche: Sollte die Erholung des Euro in diesem Tempo voranschreiten, wird das rasch die Gewinne der Euro-Exporteure belasten. Mit diesem Thema befasse ich mich übrigens gleich am kommenden Montag in meinem Newsletter Börse am Mittag.

Was sind die Hintergründe dieser europäischen Sonderhausse? In der EU werden die Geldschleusen geöffnet. In den kommenden Monaten werden die nationalen Regierungen, die EU selbst und zum Schluss auch noch die EZB Billionen in die europäischen Volkwirtschaften pumpen.

Eine kleine Zahlenreihe: Berlin wird insgesamt 130 Milliarden Euro in Form von Direktförderungen und Steuererleichterungen in den Markt geben. Brüssel wird möglicherweise bis zu 750 Milliarden Euro aufwenden. Von diesen Mitteln wird vor allem Südeuropa profitieren. Und zuletzt: Die EZB wird die Maßnahmen flankieren und im Bedarfsfall weitere Anleihen im Wert von bis zu 1,3 Billionen Euro am Anleihenmarkt aufkaufen.

Vor allem US-Investoren begrüßen diese Maßnahmen. Hier war meine lange der Meinung, dass die Europäer in der Bekämpfung der Rezession zu schüchtern sind. Nun ist man überzeugt und kauft folglich wieder EU-Aktien.

Qualcomm als Profiteur des US-chinesischen Handelskrieges

Im Trenddepot überzeugte vor allem die Aktie des US-Chipdesigners Qualcomm (+10 % auf Dollarbasis)). Hier verdichten sich die Anzeichen, dass das US-Unternehmen nun doch den chinesischen Telekomdienstleister und Handy-Hersteller Huawei mit Kommunikations-Chips der neuesten Generation (5G) beliefern darf.

Die Hintergründe: Ab dem 14. September wird Huawei keine Smartphone-Chips mehr erhalten, in denen US-patentgeschützte Bauteile enthalten sind. Diese Maßnahme wird in erster Linie den taiwanesischen Auftragsproduzenten Taiwan Semiconductor treffen. Die Chinesen von der Insel fertigen für nahezu jeden US-Chipdesigner und sind einer der ganz wichtigen Zulieferer für Huawei.

Absehbar werden also die Chinesen von Huawei bei der Versorgung mit hochwertigen 5G-Chips bald auf dem Trockenen sitzen. Zwar verfügt Huawei selbst über einen leistungsfähigen 5G-Chip, den Kirin 1020. Allerdings kann derzeit niemand in China dieses Bauteil in der benötigten Menge zur Verfügung stellen, sodass Huawei am Ende bei Qualcomm zukaufen muss.

Und hier schließt sich der Kreis: Derzeit gehen Branchenbeobachter davon aus, dass das Weiße Haus für dieses Geschäft Qualcomm eine Sondergenehmigung erteilen wird. Diese Genehmigung ist für Qualcomm unter Umständen Milliarden wert. Schließlich ist Huawei nach Samsung und noch vor Apple der große Smartphone-Hersteller dieser Welt. Und wer diesen Giganten beliefern darf, ist mehr als nur fein raus.

Ich bestätige meine Kaufempfehlung für die Aktie der Qualcomm und hebe das Kauflimit von 80 auf 86 US-Dollar an. Hierzulande handeln Sie den US-Titel – am besten immer nach 15.30 Uhr (US-Börseneröffnung) – entweder über Xetra oder Tradegate. Das umgerechnete Kauflimit für die deutschen Handelsplätze beträgt 77 Euro.

Paukenschlag: Disney verdrängt in den USA Amazon Prime

Es ist die große Erfolgsgeschichte des Video-Streaming-Marktes. Im November ging der neue Videodienst Disney + begleitet von einer massiven Werbekampagne in den USA an den Start. Gleich am ersten Tag holte man sich 10 Millionen Anmeldungen für den Dienst. Mittlerweile nutzen in den USA fast 30 Millionen Kunden das Videoangebot des US-Unternehmens. Gleichzeitig kommt der Videodienst Hulu – zu 68 % in Disney-Hand – in den USA auf etwas über 28 Millionen Nutzer. In der Addition nutzen also derzeit fast 60 Millionen US-Amerikaner mindestens einen Streaming-Dienst aus dem Disney-Konzern. Rechnet man dazu noch die Nutzer des bezahlten Spartensenders ESPN + (US-Sport), erreicht Disney in seinem Heimatmarkt derzeit sogar über 66 Millionen Nutzer.

Zunächst war es unter Analysten umstritten, ob Disney auf Dauer den Konkurrenten Amazon Prime vom zweiten Rang in den USA verdrängen kann. Diese Frage ist mittlerweile geklärt. Amazon Prime wird sich ab jetzt dauerhaft mit dem dritten Platz im US-Streaming-Markt begnügen müssen. Vergleichen Sie hierzu bitte auch die folgende Grafik, die den Vorsprung Disneys auf Amazon eindrucksvoll verdeutlicht.

Abschließend komme ich nochmals auf den Spartensender ESPN + zurück. In den USA wird Anfang Juli der professionelle Basketball (NBA) die im März unterbrochene Saison wieder aufnehmen. Der NBA-Basketball ist ein wesentlicher Inhalt des ESPN-Angebots. So profitierte die Disney-Aktie auch von dieser Nachricht und kam bislang in dieser Woche auf Dollarbasis um knapp 6 % voran.

Ich empfehle die Disney-Aktie unverändert zum Kauf (billigst), sofern Sie bislang noch nicht investiert sind.


VW auf dem Weg zum Software-Entwickler

Das ging jetzt schnell. Mitte Mai musste VW die Produktion des neuen Golf 8 stoppen, nachdem die Software hartnäckig streikte. Nun wurde der Fehler identifiziert und behoben, wie gestern ein Konzernsprecher mitteilte. Damit wird der Golf der neuesten Generation ab jetzt wieder ausgeliefert. Allerdings muss der Autobauer nun noch 15.000 bereits ausgelieferte Modelle in die Werkstätten zurückrufen. Die Fahrzeuge benötigen eine entsprechende Aktualisierung der Software.

Zweifelsohne waren oder sind die jüngsten Software-Probleme bei den Modellen Golf 8 und ID.3 nicht unbedingt ein Ruhmesblatt für den VW-Konzern. Gleichwohl sieht sich das Unternehmen auf dem Weg zu einem führenden Software-Entwickler der Autobranche. So wird man künftig alle IT-Aktivitäten in einer eigenen Gesellschaft bündeln. Derzeit sieht man für die neue Einheit eine Personalstärke von 5.000 Mitarbeitern vor, die bis 2025 auf 11.000 ausgebaut werden soll.

Das Ziel: VW arbeitet an eigenem automobilen Betriebssystem namens vw.os. Das aktuelle Internet- und Entertainment-System wurde noch wesentlich von Microsoft entwickelt. VW fürchtet allerdings nicht ganz zu Unrecht eine einseitige Abhängigkeit von den großen Internet-Unternehmen des Silicon Valley. Deshalb will man künftig die Software zu 60 % eigenentwickeln und dabei Herr über die Maschinendaten (Logdaten) des Systems bleiben. Am Ende soll dann das System vw.os einen der wichtigen Softwarestandards der Branche begründen. Anders formuliert: Das, was Android für den Smartphone-Markt ist, soll vw.os für die Autobranche werden.

Man ist derzeit sehr ambitioniert in Wolfsburg und packt den Stier endlich bei den Hörnern. Das gefällt mir. Dennoch stufe ich die Aktie kurzfristig auf Halten herab. Der Autotitel kam seit Mitte März um fast 70 % voran. Bei aller neuen Innovationskraft im Konzern, die Aktie ist kurzfristig überkauft. Gönnen Sie Ihr einen Rücksetzer, um anschließend zu kaufen, sofern Sie noch nicht investiert sind.

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen für Ihr Wochenende

Alexander von Parseval