Lieber Börsianer,

in dieser Woche fassten die Investoren wieder spürbar bei Technologie- und Wachstumsaktien zu. Der NASDAQ 100 hat sich bislang um über 3 % verteuert. Davon profitierte unter anderem die SAP-Aktie, die rund 4 % vorrückte. Mehr zu dem Unternehmen lesen Sie gleich.

Europäische Standardaktien hingegen ließen es etwas ruhiger angehen. So kam etwa der DAX nur noch unmerklich voran, hält sich allerdings wacker in der Nähe seines jüngst markierten Allzeithochs. Dabei wirkt es günstig, dass die Sorgen vor steigenden Marktzinsen etwas aus dem Markt sind.

Richtig ist, dass sich die Benchmark-Zinsen in den vergangenen Wochen zunächst sprunghaft erhöht hatten. So verdienen Sie im US-Rentenmarkt derweil bequem knapp 1,7 % pro Jahr, während die vergleichbaren Zinsen im britischen Währungsraum bei knapp 0,8 % notieren. In Deutschland wiederum hat sich der negative Zins von zuletzt rund 0,6 auf 0,3 % halbiert. Für die Neubörsianer unter Ihnen: Steigende Zinsen wirken tendenziell ungünstig auf den Aktienmarkt, da sie quasi wie ein Magnet Kapital aus dem Aktienmarkt ziehen bzw. weiteren Kapitalzufluss bremsen.

Inzwischen interpretieren die Marktteilnehmer die jüngsten Zinsanstiege als technische Gegenreaktion auf einen zuvor abnorm niedrigen Marktzins. Auch ich befürchte kurzfristig noch keine schädliche Zinsrallye. Spannend dürfte in diesem Punkt allerdings die zweite Jahreshälfte werden, wenn schließlich auch Europa aus dem Lockdown finden wird. Dann rechne ich mit einem spürbaren Konsumschub, der die Preise und damit auch die Zinsen treiben kann.  

Kurzfristig profitiert der Aktienmarkt vom absehbaren Ende des Lockdown, zumal Deutschland einen neuen Impfrekord aufgestellt hat. So wurden am vergangenen Mittwoch erstmals über 650.000 Einheiten verimpft. Im Vergleich zu den Vorwochen entspricht dies einem Zuwachs von über 100 %. Einen wesentlichen Anteil an diesem unerwarteten Erfolg haben die niedergelassenen Hausärzte, die seit Ostern auch zur Nadel greifen dürfen.

Auch unsere Nachbarn jenseits des Rheins waren zuletzt fleißig. So verimpften die Franzosen in  einer Woche rund 2 Millionen Einheiten. Solche Nachrichten vernehmen wir als Börsianer und natürlich auch Verbraucher gerne. Bitte weiter so! 

SAP sticht US-Konkurrenz aus und holt Google als Großkunden

Das ist schon eine Meldung wert. Der Betreiber der Suchmaschine Google, Alphabet wird seine Buchführung künftig mit einer Software-Anwendung aus dem Hause SAP besorgen. Zuvor setzte das US-Unternehmen auf eine Anwendung des Software-Spezialisten Oracle. Die Umstellung der Software soll bereits im Mai vollzogen werden.

Was sind die Hintergründe? Alphabet und Oracle haben sich in den vergangenen Jahren in einigen Geschäftsbereichen zu scharfen Konkurrenten entwickelt. Zuletzt traf man sich in einem Patentstreit sogar vor einem US-Gericht. Es liegt auf der Hand, dass Alphabet unter diesen Bedingungen die Verbindungen zu Oracle überdenkt. Niemand will die Konkurrenz stärken.

Für SAP bedeutet der neue Auftrag – nach einem durchwachsenen Jahr 2020 – einen veritablen Prestigeerfolg. Klar ist, wer für den Software-Giganten Alphabet arbeiten darf, kann nicht ganz inkompetent sein. Anders formuliert: Solche Aufträge haben Strahlkraft weit über die Branche hinaus und sind wertvoller als jede Werbung.

Chartkommentar: Die SAP-Aktie hat in dieser Woche hauchzart die Marke von 110 Euro gebrochen, die ich im Chartbild rot eingezeichnet habe. In den vergangenen Wochen lag dieser oberer Widerstand wie ein schwerer Deckel auf der DAX-Aktie. Noch ist die Überwindung des Widerstands nicht ausreichend klar. Sollte sich diese Kursbewegung nächstens bestätigen, wird die Aktie rasch gegen Kurse um 125 Euro laufen.

Ich bestätige meine Halten-Empfehlung für die SAP-Aktie. Möglicherweise kann ich sie bereits in der kommenden Woche wieder zum Kauf empfehlen.  Strategie-Update: VW erteilt Börsengang der Porsche-Tochter eine Absage

Bereits im Februar hatte der schwäbische Autobauer Daimler einen Börsengang seiner Tochter Daimler Truck AG angekündigt. Diese Nachricht wirkte mächtig auf die Daimler-Aktie, die sich seitdem spürbar verteuert hat. Anschließend planten dann Investoren eine ähnliche Transaktion für den VW-Konzern. Hier sah man die Abspaltung der werthaltigen Tochter Porsche voraus.

Konzernchef Herbert Diess hat diesen Überlegungen jüngst in einem großen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen eine Absage erteilt. Dabei führte der Autoboss aus, dass man die Gewinne der Tochter benötigt, um den Ausbau der Elektro-Flotte weiter zu forcieren. Auch einem Teilbörsengang erteilte Diess eine klare Absage. O-Ton aus dem Interview: „Eine Perle wie Porsche gibt man nicht aus der Hand.“

Elektro-Mobilität: In dem Interview äußerte sich der Automanager zufrieden mit dem Start der Produktfamilie ID. Die anfänglichen Software-Probleme hat man gelöst und ist nun genau wie Tesla technisch in der Lage, allfällige Updates „over-the-air“, also per Internetverbindung aufzuspielen. Ein Werkstattbesuch ist für den VW-Fahrer nicht mehr erforderlich.

Große Hoffnungen setzt die Unternehmensführung nun in den kompakten Elektro-SUV ID.4, der zuletzt sein Marktdebut feierte. Unter dem Strich möchte VW im laufenden Jahr rund 1 Million E-Autos an den Mann oder die Frau bringen. Rund die Hälfte davon sollen reine Stromer sein. Gemessen an den produzierten Stückzahlen rückt VW damit weiter zum Marktführer Tesla auf.

Zum Vergleich: Die Amerikaner schickten im vergangenen Jahr knapp 500.000 Vollstromer auf die Straßen. Für 2021 traue ich den Männern und Frauen um Elon Musk durchaus 850.000 Einheiten zu. Fazit: Die Marktführerschaft wird VW also nicht gleich morgen erobern. Trotzdem: Der Trend stimmt.

Was plant man für den Verbrenner? Audi preschte jüngst im Konzern vor. Zwar wird man dort an den aktuellen Verbrennern schon noch etwas basteln und optimieren, eine neue Generation des Verbrennungsmotors aus dem Hause Audi soll es allerdings nicht mehr geben. Ich erwarte, dass die übrigen VW-Marken für die westlichen Märkte ungefähr ähnlich planen. Für einige Schwellenländer – vor allem Brasilien – wird der Verbrenner allerdings noch langjährig aktuell bleiben. So hat Herbert Diess in dem F.A.Z.-Interview keinen Termin für einen endgültigen Ausstieg aus dem Verbrenner genannt.

Der Verzicht auf einen Börsengang der Porsche-Tochter kostet die VW-Aktie sicherlich kurzfristig etwas Kursphantasie. Langfristig freilich überzeugt mich die VW-Strategie. Sie ist ausgewogen und sorgt dafür, dass der Autobauer die Elektro-Offensive schultern kann und trotzdem noch gutes Geld verdienen wird. Ich bestätige meine Kaufempfehlung für die Vorzugsaktie der VW zu Kursen bis 225 Euro.

Abschließend wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende. Von mir lesen Sie planmäßig wieder am nächsten Freitag (16. April). 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

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Alexander von Parseval