Lieber Börsianer,

diese Woche war schon etwas enttäuschend für uns. Einige Unternehmen des Trenddepots legten teils ganz starkes Zahlenwerk aus dem abgelaufenen Quartal vor. Die Investoren nahmen die Nachrichten allerdings mit Gleichmut und fassten nicht mehr nach. Linde etwa verbesserte praktisch alle relevanten Ertrags- und Gewinnzahlen prozentual zweistellig, und die Aktie verteuert sich nach Bekanntwerden des Zwischenberichtes um bescheidene 0,4 %. Da hatte ich mir mehr erhofft.

Fazit: Wir sehen derzeit starke Unternehmenszahlen, aber oftmals eher müde Aktienkurse. Was ist das Problem?

Heute Morgen etwa lief die Nachricht über die Ticker, dass der deutsche Export im 11. Monat in Folge gestiegen ist. Auch in den USA sehen wir eine mächtige konjunkturelle Erholung nach dem Covid-Schock. Die Investoren kennen diese Fakten natürlich. So sind die starken Quartalszahlen erwartet worden und lockten niemand mehr auf die Käuferseite. Börsentechnisch formuliert: Die guten Nachrichten waren bereits zuvor eingepreist worden.

Ich halte die gegenwärtige Kaufzurückhaltung gleichwohl für eine Momentaufnahme. Eine Trendwende kündigt sich nicht an. Tatsächlich ist der Mai für uns als Börsianer nur selten ein Wonnemonat. Hernach sollten wir in der Breite aber wieder stärkere Notierungen sehen. Zumal Europa nun nach den USA und Großbritannien ebenfalls aus dem Lockdown aussteigen wird. Hier werden also ab Ende Mai weitere Branchen wie Hotelgewerbe, Gastronomie und Einzelhandel aufgeschaltet. Diese Maßnahmen sollten der Binnenkonjunktur in Europa noch im laufenden Quartal frische Impulse geben.

Lesen Sie nun im Folgenden ausgewählte Quartalszahlen zu den Positionen des Trenddepots.

Linde: Wasserstoff-Zahlen bleiben Betriebsgeheimnis

Der Gase-Spezialist Linde steigerte den Umsatz im ersten Quartal um 7 % auf 7,2 Milliarden USD. Unter dem Strich konnte das Unternehmen die Preise um 2 % erhöhen. Ferner steigerte man den Absatz gemessen am Volumen um 3 %. Besonders erfreulich entwickelt sich weiterhin die Gesundheitssparte. Hier produziert man unter anderem medizinischen Sauerstoff zur Beatmung von Covid-Patienten. Das Gas ist unverändert – etwa in Indien – ein hochbegehrtes Mangelprodukt.

Die positive Umsatzentwicklung wirkte sich überproportional auf den Gewinn aus. Man steigerte den Gewinn pro Aktie im Vergleich zum Vorjahresquartal um satte 32 % auf 2,49 USD. Im Vergleich zum vierten Quartal 2020 wuchs der Nettogewinn pro Aktie um 8 %.

Leider behandelt das deutsch-amerikanische Unternehmen die Absatzzahlen im Wasserstoff-Segment immer noch als Betriebsgeheimnis und berichtet nicht separat aus dieser Sparte. Gleichwohl deuten die aktuellen Quartalszahlen darauf hin, dass sich Linde der aktuellen Krise der Wasserstoff-Branche entziehen kann.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen nach Aussage des Vorstandschefs Steve Angel in diesem Segment einen Umsatz von über 2 Milliarden USD. Zum Vergleich: Ballard Power erzielte zuletzt einen Quartalsumsatz von 17 Millionen USD. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass Linde derzeit zu den ganz wenigen Unternehmen der Branche gehört, die mit dem Trendthema jetzt schon schönes Geld verdienen.

Bleiben Sie unverändert investiert. Bei der nächsten Kursdelle werde ich die Linde-Aktie für die Neu-Leser wieder zum Kauf empfehlen.

Vestas meldet Umsatzrückgang, aber neuen Rekordstand beim Auftragsbestand

Die Dänen von Vestas haben den Jahresauftakt verhauen. So meldete der Windanlagen-Installateur für das erste Quartal einen Umsatzrückgang von 12 % (1,96 Milliarden Euro). Operativ muss das Unternehmen einen Verlust in Höhe von 71 Millionen Euro schultern. Was sind die Hintergründe für die schwachen Zahlen?

Offenbar waren zuletzt wieder einmal einige Lieferketten gestört, sodass Vestas Projekte nicht termingerecht abschließen konnte. Hier fließt dann zunächst auch kein Geld. Außerdem berichtete Vorstandschef Henrik Andersen etwas kryptisch von einem „niedrigeren Aktivitätsniveau“ in der Branche.

Der Hintergrund hier: Derzeit arbeitet die US-Regierung an einem umfassenden Förder- und Subventionsprogramm für die Windkraft. Unklar sind allerdings noch die Details dieser Maßnahme. So haben sich zuletzt große Stromerzeuger in den USA mit Bestellungen für neue Windparks erst einmal zurückgehalten. Sobald die Eckdaten des Programms vorliegen, dürfte sich diese Zurückhaltung rasch auflösen.

Ich erwarte, dass Vestas diese negativen Effekte im Lauf des Jahres aufholen wird. So hat man die Prognose für 2021 bestätigt. Die Unternehmensführung rechnet unverändert mit einem Jahresumsatz zwischen 16 und 17 Milliarden Euro und einer operativen Gewinnmarge zwischen 6 und 8 %. Diese Schätzung ist glaubwürdig. Derzeit sitzt das Unternehmen auf einem kombinierten Auftragsbestand – Neu-Installationen + Bestandsbetreuung – in Höhe von 44,7 Milliarden Euro. So viel hatten die Dänen zuvor in ihrer Unternehmensgeschichte noch nie zu tun.  

Fazit: Der Jahresauftakt in der Branche war schlecht. Zuvor meldete bereits Konkurrent Siemens Gamesa ähnlich durchwachsene Zahlen. Folglich mussten die Aktien der Windanlagen-Bauer auf Wochensicht Federn lassen. Daraus wird allerdings definitiv kein Trend. Ganz im Gegenteil: Die Perspektive der Unternehmen ist intakt, wie insbesondere der Auftragsbestand der Vestas zeigt.

Nutzen Sie also die Kursdelle zum Einstieg, sofern Sie bislang nach nicht in den Anteilsscheinen der Vestas Wind engagiert sind.

VW gibt weiter Vollgas – Absatz der Stromer wächst um 78 %

Der Autobauer VW startete erwartungsgemäß stark in das neue Geschäftsjahr. Markenübergreifend brachte man im ersten Quartal 2,4 Millionen Einheiten an den Mann oder die Frau. Zum Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Ansatzwachstum in Höhe von 21 %. Insgesamt erwirtschaftete man einen Umsatz von 62 Milliarden Euro.

Die Gewinnzahlen explodierten bei VW. So steigerte man den Gewinn vor Steuern um 540 % auf 4,5 Milliarden Euro. Nach Überweisung der allfälligen Unternehmenssteuern verbleiben davon 3,4 Milliarden Euro in der VW-Kasse. Das entspricht einem Gewinn von 6,51 Euro je Vorzugsaktie (+ 675 %). Bei der Bewertung der Gewinnzahlen müssen Sie natürlich die Situation des Vorjahresquartals im Hinterkopf haben. Damals kollabierte aufgrund des Virus zunächst das China-Geschäft und schließlich auch jenes in Europa und Nordamerika. Gleichwohl sehe ich schon gute Chancen, dass die Norddeutschen 2021 einen neuen historischen Rekordgewinn einfahren werden und damit den Schaden der Pandemie mehr als nur ausgleichen.    

Das Elektro-Geschäft: Zwischen Januar und März verkauften die Wolfsburger markenübergreifend über 133.000 elektrisch angetriebene Fahrzeuge. Davon waren rund 73.000 Einheiten (+178 %) mit einem Hybrid-Antrieb ausgestattet, 60.000 Einheiten (+78 %) waren Vollstromer. Damit hat sich das zuletzt explosive Wachstum in diesem Teilsegment etwas abgekühlt.

Ich gebe zu, hier hätte ich gern etwas mehr Momentum vor allem bei den Vollstromern gesehen. Nun, ich will nicht zu streng sein, schließlich verdient der Autobauer noch sein Geld mit den Verbrennern. Meine Empfehlung: Ungeachtet der erfreulichen Zahlen schwächelte die Aktie zuletzt. Ich nutze diese Zwischenkorrektur und hebe die Auto-Aktie wieder auf Kaufen. Fassen Sie zu Kursen bis 219 Euro je Vorzugsaktie zu, sofern Sie bislang noch nicht investiert sind.
Norma meldet Gewinnverdoppelung ­– Aktie trotzdem weich

Der Verbindungstechniker Norma Group setzt seinen Erholungskurs, den man in der zweiten Jahreshälfte 2020 gestartet hat, fort. Auf Jahressicht steigerte man den Umsatz um 13 % auf 286 Millionen Euro und erzielte dabei einen Quartalsgewinn von 20 Millionen Euro. Das entspricht ungefähr einer Verdoppelung. Unter dem Strich lagen die Geschäftszahlen leicht den Erwartungen.

Ich gehe davon aus, dass das aktuelle Quartal noch weit stärkeres Wachstum bringen wird. Im vergangenen Jahr hat die Norma-Führung ein Programm zur Effizienzsteigerung aufgelegt, dessen Früchte das Unternehmen allmählich erntet. Ich erwarte, dass der Verbindungstechniker seine Gewinnmarge von zuletzt knapp 13 % nochmals steigern kann.

Strategisch will man heuer das ohnehin starke Geschäft mit der Wasserwirtschaft nochmals ausbauen. Daneben schielt Norma auf die Autobranche, um sich im Segment E-Mobilität einen anständigen Marktanteil zu sichern. Generell gilt hier: Norma war schon immer als Autozulieferer erfolgreich. Jetzt modelt man die Verbindungstechnik entsprechend um, damit immer mehr Norma-Komponenten auch in einem E-Auto funktionieren.

Fazit: Den Norma-Zahlen hat sicherlich der letzte Pep gefehlt. Trotzdem, das Unternehmen liefert und kann vielleicht schon im kommenden Jahr wieder einen Rekord bei Gewinn und Umsatz einfahren. Bleiben Sie unverändert investiert!

Wasserstoff-Markt wird von schweren Verwerfungen erschüttert

Beachten Sie bitte, dass die nächste Wochenausgabe (14. Mai) ausnahmsweise entfallen wird. Von mir „hören“ Sie dann wieder planmäßig am Dienstag, den 18. Mai. Dann schicke ich Ihnen gleich die Hauptausgabe Juni zu. Das werden sehr wahrscheinlich meine Themen sein:  

Ende Februar hatte ich in der März-Ausgabe des RENDITE TELEGRAMM für das Wasserstoff-Segment ein Blutbad angekündigt. Damals hatte ich anhand des Kurs-Buch-Verhältnis (KBV) nachgewiesen, dass dieses Marktsegment überbewertet ist. Inzwischen wird der Markt von schweren Kursverwerfungen erschüttert. Allein auf Wochensicht hat der europäische Wasserstoff-Index rund ein Viertel seines ursprünglichen Wertes verloren. In den vergangenen 3 Monaten haben Wasserstoff-Aktien im Durchschnitt rund die Hälfte ihrer Marktkapitalisierung eingebüßt.

In der nächsten Hauptausgabe gehe ich daher der Frage nach, ob wir einige Stücke der zuletzt wahllos weggeworfenen Wasserstoff-Aktien übernehmen können. Das werde ich für Sie im Rahmen meines Aktionsplans Wasserstoff 2.0 analysieren.

Außerdem befasse ich mich mit der aktuellen Unterversorgung im Halbleiter-Segment. Zurzeit balgen sich Autobauer und Unternehmen der Unterhaltungselektronik um die wenigen verfügbaren Mikrochips. Als Börsianer wissen, Knappheit bedeutet immer hohe Preise bzw. schöne Gewinne, zumindest für die Unternehmen, die das knappe Gut produzieren. Ich untersuche, ob wir von dieser Konstellation profitieren können.  

So viel kann ich jetzt schon ankündigen. Es wird spannend für Sie.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Alternate text

Alexander von Parseval