Lieber Börsianer,

der US-Arbeitsmarkt gesundet zunehmend. Im Mai haben die Unternehmen netto 671.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Pro Woche stellten auf Monatssicht 428.000 Menschen einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe. Das ist der niedrigste Stand seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Gleichwohl hat der Arbeitsmarkt noch nicht die Dynamik der Vorkrise erreicht. Damals meldeten sich im Durchschnitt lediglich 220.000 Menschen pro Woche arbeitslos.

Am Markt waren die günstigen Daten im Kern erwartet worden. So zeigte sich der Aktienmarkt auf Wochensicht ziemlich unbeeindruckt. Der DAX rückte mit 0,7 % leicht vor, während der NASDAQ 100 etwas über 1 % einbüßte.

Gegenwärtig befindet sich der Markt in einer Art Pattsituation. Gute Daten vom US-Arbeitsmarkt sind natürlich im Prinzip für den Aktienmarkt günstig. Schäumt der Markt freilich über, befördert dies im momentanen Umfeld Zinsängste. Hier belastet auch der anhaltende Auftrieb der Energiepreise. Öl und Gas verteuerten sich auf Wochensicht um rund 3,8 %. Das treibt die Inflation an und kann damit mittelfristig zu einer Straffung der Geldpolitik führen. Fazit: Das Marktumfeld ist im Moment nicht perfekt, aber zumindest sehr solide. Nennenswerte Rücksetzer erwarte ich in den nächsten Wochen nicht.

VW konkretisiert Pläne für eigene Zellproduktion – Aktie gefragt 

Auf Wochensicht verteuerte sich die Vorzugsaktie der VW um fast 7 %. Zuvor hatte Technikvorstand Thomas Schmall nochmals die Pläne des Autobauers zum Aufbau einer eigenen Zellproduktion konkretisiert. Danach soll eine Produktion im niedersächsischen Salzgitter sowie in Schweden aufgebaut werden. Ferner bearbeiten die VW-Verhandler die spanische Zentralregierung in Madrid. Das Angebot: Ihr kriegt auch einen neuen Standort, wenn ihr zum Start einige Subventionen locker macht. Die Spanier dürften nicht ganz abgeneigt sein.

Die VW-Pläne sind hochfliegend: Erstmals soll in großem Stil die so wichtige und vor allem lukrative Zellproduktion für E-Batterien nach Europa geholt werden. Mehr noch: Der Autobauer will ganz tief in die Wertschöpfung einsteigen. „Wir sehen uns die gesamte Prozesskette von der Mine (Lithium und Kobalt) bis zum Recycling an.“, so Technikvorstand Schmall. Dabei erwägt man, die Investitionskosten über einen Börsengang der neuen Geschäftseinheit zu finanzieren. Für ein solches reines Batterie-Investment sehe ich derzeit viele potenzielle Käufer am Aktienmarkt.

Unterdessen scheint bei VW auch der Nachschub mit Mikrochips wieder zu funktionieren. So sollen die Mannschaften nächstens zu Überstunden an die Bänder geholt werden, um den bisherigen Produktionsrückstand aufzuholen. Zuvor hatte der Autobauer für einige Schichten Kurzarbeit eingeführt, nachdem die wichtigen Komponenten nicht in ausreichender Menge zur Verfügung standen.   

Fazit: Die Aktie läuft nach einer kleinen Zwischenkorrektur nun wieder rund und steuert ihr altes Jahreshoch bei rund 246 Euro an. Dabei erfreuen sich die Investoren besonders an der Perspektive einer eigenen Zellproduktion. Lassen Sie mich witzeln: Diese Geschäftseinheit haben die Anleger im Geiste schon an die Börse gebracht. Sehen wir den Sachverhalt realistisch! Noch produzieren die Norddeutschen keine einzige Zelle. Der Aufbau der neuen Produktion wird einige Jahre in Anspruch nehmen. Nach den bisherigen Planungen wird man erst 2030, dann an 6 Standorten in Europa, unter Volllast produzieren.

Also: Wir halten an der Aktie gerne fest. Neuanschaffungen stellen Sie allerdings nach der Kursrally zunächst einmal zurück.

Vestas unter Druck: Konkurrenten holen sich wichtige Aufträge

Das US-Unternehmen GE Renewables – eine Tochter der General Electric – hat sich in Schweden einen wichtigen Neuautrag gesichert. Dabei statten die Amerikaner eine Landanlage in Nordschweden mit Windturbinen in einer Kapazität von 753 Megawatt aus. Damit entsteht dort die größte Onshore-Windanlage Europas. Der Auftrag umfasst ebenfalls einen Wartungs- und Betreuungsvertrag mit einer Laufzeit von 25 Jahren.

Gleichzeitig warb das US-Unternehmen kleinere Aufträge in Finnland und Vietnam ein. Der deutsche Vestas-Konkurrent Nordex meldete indessen ein Neuprojekt aus Spanien. Offensichtlich war Marktführer Vestas bei keiner der genannten Ausschreibungen auf der Höhe.

Zudem wurde in dieser Woche bekannt, dass der langjährige Vertriebschef des dänischen Windanlagenbauers, Juan Araluce, seinen Hut genommen hat. Zuvor war bereits der Leiter des Nordamerika-Geschäftes abgetreten. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass diese Personalmaßnahmen im Zusammenhang mit dem unzureichenden Vertriebserfolg der Vestas stehen.

Ich stufe die Vestas-Aktie nun auf Halten herab. Außerdem rate ich Ihnen, zu Ihrer Sicherheit ein Stop-Loss-Limit bei 26,60 Euro (Xetra) einzuziehen.

Linde arbeitet an bahnbrechenden Klimaprojekt zur CO2-Speicherung

Linde-Ingenieure installieren derzeit im US-Bundesstaat Illinois eine Pilotanlage zur Abscheidung und Speicherung des Klimagases CO2, wie jüngst der Fachdienst Gasworld berichtet hat. Linde hat den Bericht inzwischen bestätigt. Wie bei solchen Zukunftsprojekten üblich geizt die Presseabteilung des Unternehmens leider mit Detailinformationen, um der Konkurrenz nicht unnötig zu helfen.  

Was wissen wir? Die Testanlage soll in der Spitze bis zu 200 Tonnen des Gases entsprechend behandeln. Linde kooperiert mit der örtlichen Universität sowie dem Chemie-Unternehmen BASF. Dieses Unternehmen steuert dabei eine patentierte Technologie zur Reinigung von Gasen namens OASE bei.

Offenbar entwickelt man das Verfahren für Industrie-Kunden etwa aus der Energiebranche, die bei der Verbrennung von Erdgas oder Kohle große Mengen des Klimagases CO2 freisetzen. Mein Eindruck ist, dass das Verfahren technologisch bereits ziemlich ausgereift ist. Unklar ist allerdings noch, ob oder wann es sich auch wirtschaftlich abbilden lässt. Klar ist, dass ein Durchbruch bei der Abscheidung und Speicherung von CO2 einer neuen Industrierevolution mit weitgehenden Folgen für zahlreiche Unternehmen und Branchen gleichkäme.

Kurzfristig wird dieses Thema für Linde sicherlich noch nicht von betriebswirtschaftlicher Relevanz sein. Langfristig kann diese Technik für Linde und auch BASF aber durchaus zu einem neuen Gewinnturbo werden. Ich bleibe hier für Sie am Ball und rate Ihnen, weiterhin an der Linde-Aktie festzuhalten.

Jenoptik reagiert auf neue Nachfrage aus Halbleiterbranche

Bekanntlich steht die Chip- und Halbleiterbranche gegenwärtig unter Feuer. Von diesem Boom möchte auch Jenoptik langfristig profitieren. Deshalb hat man vor einigen Tagen ein großes Areal in Dresden erworben. Dort soll ab Mitte 2022 eine Produktion für Optiken und Sensoren inklusive Reinraumkomplex entstehen. Diese Bauteile werden zur Ausrüstung von Halbleiter-Fabriken benötigt. Das neue Werk in Dresden soll bis 2025 in Betrieb genommen werden.

Die Aktie der Jenoptik machte in dieser Woche keinen Meter. Unverändert befindet sich der Technologie-Wert in einer Zwischenkorrektur. Diese Korrektur wird allerdings in den nächsten Tagen abgeschlossen werden. Lassen Sie der Aktie noch etwas Raum nach unten und fassen Sie dann bei Kursen ab 23 Euro zu, sofern Sie noch nicht engagiert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

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Alexander von Parseval