können Sie sich eigentlich noch an die letzte Zinsanhebung der Europäischen Zentralbank erinnern? Ich musste nachschauen. Sie war 2011. Ich blicke noch weiter zurück. So sind in Deutschland die Marktzinsen – gemessen an DM- und Euro-Anleihen guter Bonität – seit etwa 1995 per saldo immer nur gefallen.

Chartkommentar: Bereits im Zeitraum 1995 bis 2008 lief der Marktzins – bzw. die durchschnittliche laufende Zinsrendite bonitätsstarker Anleihen mit einer Restlaufzeit von 10 Jahren (Umlaufrendite) – permanent rückwärts. Nach der Finanzkrise (2008/9) stieg die EZB in die Politik des billigen Geldes ein und befeuerte den Abwärtstrend zusätzlich. Auf dem ersten Höhepunkt der Pandemie (März 2020) markierten die Marktzinsen dann ihren absoluten Tiefpunkt. Eine deutsche Bundesanleihe 10-jähriger Laufzeit „rentierte“ damals mit minus 0,83 %. 

Dieser jahrzehntelange Zinsrückgang in praktisch allen entwickelten Volkswirtschaften war für den Aktienmarkt ein Gewinnprogramm historischen Ausmaßes. Leider werden wir dieses Programm in den kommenden Monaten zunächst in den USA und mit gewisser zeitlicher Verzögerung auch in Europa beenden. Denn die Anzeichen verdichten sich, dass wir nun eine Normalisierung sprich einen Anstieg der Zinsen sehen werden.

Das ist momentan die wichtigste Erklärung für die aktuelle Wackel-Börse. Wir haben Sorge, dass steigende Zinsen die schöne Hausse der vergangenen Jahre nun abwürgen wird. Diese Perspektive sorgt bei vielen Investoren derzeit für Kaufzurückhaltung.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite: Steigende Zinsen sind kein Krisensymptom, sondern Ausdruck einer ausnehmend starken Wirtschaft. In der Tat erleben wir im laufenden Jahr ein veritables Konjunkturfeuerwerk. Einige Zahlen dazu: Im vergangenen Quartal ist die Volkswirtschaft in den USA um 12 % und in der Euro-Zone um 14 % gewachsen. Besonders Frankreich stand zuletzt mächtig unter Strom und expandiert sein Bruttosozialprodukt um fast 19 %.

Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass diese mächtigen Wachstumsraten Inflation hervorrufen und damit die Notenbanken unter Druck setzen, wieder einmal die Zügel der Geldpolitik anzuziehen. Ich wiederhole mich: Das ist kein Krisensymptom, sondern ein üblicher marktwirtschaftlicher Vorgang.

Gelegentlich entsteht in der interessierten Börsen-Öffentlichkeit der Eindruck, sobald die Notenbanken ein Anleihenkaufprogramm reduzieren und den Leitzins anheben, kollabiert die Börse. Ist das wirklich so? Hier hilft wieder einmal ein Blick ins Geschichtsbuch. So erhöhte die Federal Reserve den Leitzins zwischen 2004 und 2006 insgesamt 17 Mal in Folge. Was machten die Aktien in diesem Zeitraum? Sie stiegen munter.

Fazit: Der Markt steht vor einer geldpolitischen Wende. Diese neue Perspektive werden die Investoren allmählich zur Kenntnis nehmen und „verdauen“. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, wie lange dieser Anpassungsprozess dauern wird. Der kann vier Wochen, aber sicherlich auch einige Monate dauern. In diesem Zeitraum werden wir nicht die ganz großen Renditen am Aktienmarkt erzielen.

Verisk Analytics markiert gegen den Trend neues Rekordhoch

Die Aktie der Verisk Analytics rückte auf Wochensicht um etwas über 3 % voran. Auf 3-Monatssicht steht nun für Sie auf Euro-Basis ein Kursplus von rund 13 % zu Buche. Dabei hat die US-Aktie ein neues Rekordhoch erreicht.

Der Kurstreiber: Das Unternehmen lancierte zuletzt immer wieder kleinere Software-Anwendungen, die von Branchenexperten recht wohlwollend besprochen worden sind. Das ist aber nicht der entscheidende Faktor. Verisk Analytics verdient ihr Geld wesentlich mit Kunden der Versicherungsbranche.

Versicherer erzielen bekanntlich über die Prämieneinnahmen enorme Kapitalzuflüsse. Bislang „verschimmelte“ ein Großteil dieser Gelder nahezu unverzinst auf den Konten der Gesellschaften. Künftig wird man aufgrund der steigenden Marktzinsen mit den Einlagen wieder bessere Renditen erzielen. Dieser Effekt wird sich über alle Versicherungssparten positiv auswirken. Dienstleister wie Verisk profitieren naturgemäß immer dann, wenn es den Auftraggebern gut geht.  

Die Verisk-Aktie passt wie die Faust aufs Auge zur aktuellen Marktverfassung. Wir bleiben folglich unverändert investiert.

Vestas-Aktie nach Studie unter Druck ­– Perspektive gleichwohl intakt

In dieser Woche hatte sich der zuständige Analyst der skandinavischen Nordea-Bank skeptisch zu den kurzfristigen Aussichten der Vestas Wind geäußert. In einer Studie führte der Kollege aus, dass das dänische Unternehmen momentan unter den zuletzt stark gestiegenen Stahlpreisen leidet. Das wird in den Gewinn des Windanlagenbauers beißen. So ist man der Meinung bei Nordea, dass Vestas die Gewinnschätzungen für das laufende Jahr nicht erfüllen wird.

Die Studie nennt allerdings zu Recht auch Faktoren, die das Geschäft des Windanlagenbauers in absehbarer Zeit wieder antreiben wird. So steigen die Verkaufspreise pro Windrad bereits seit einigen Monaten allmählich an. Außerdem geht man davon aus, dass die US-Regierung das bestehende PTC-Programm zur Förderung der erneuerbaren Energien nochmals verbessern wird. Hier finden Sie weitere Informationen auf Wikipedia zu diesem Programm. 

Hierzulande verfolgt übrigens die FDP, die ja mit großer Wahrscheinlichkeit an der nächsten Bundesregierung beteiligt sein wird, ganz ähnliche Ziele. So will man die Abschreibungsmöglichkeiten etwa für Windräder deutlich ausweiten. Auf diese Weise soll privates Kapital für die Energiewende mobilisiert werden. Diese Idee dürfte auch bei den Koalitionspartnern der Liberalen mittlerweile mehrheitsfähig sein. Davon wird Vestas im benachbarten Dänemark indirekt profitieren.

Fazit: Aufgrund der gestiegenen Produktionskosten leiden zurzeit grüne Aktien wie etwa Vestas, Nordex oder auch diverse Solarmodulhersteller. In der ersten Hälfte des nächsten Jahres sollte allerdings die Politik in Washington, Berlin und auch gerade Brüssel wieder frischen Schub für diese Aktien bringen.

Ich schließe mich dem Urteil meines Kollegen von der Nordea-Bank an und empfehle Ihnen, an der Wind-Aktie festzuhalten. Im November kann ich den Titel voraussichtlich dann wieder auf Kaufen stellen.

Umschichtungen im Depot: Linde hat Ihnen 53 % gebracht

Gemäß meiner jüngsten Verkaufsempfehlung habe ich die Aktie der Linde nun aus dem Trenddepot zum Kurs von 253,30 Euro ausgebucht. Hier haben Sie unter Strich einen Gewinn von 53,1 % erzielt. Ich möchte die Aktie des Gase- und Wasserstoff-Spezialisten noch ihn diesem Jahr auf ermäßigtem Kursniveau ins Trenddepot zurückholen.

Ferner bestätige ich meine Kaufempfehlung für die Aktie der SoftBank. Sie kostete zuletzt auf Tradegate knapp 48 Euro und entwickelt sich damit allmählich in Richtung des von mir empfohlenen Kauflimits in Höhe von 44 Euro. Ich gehe davon aus, dass die Aktie Ende Oktober in unsere Depots rutschen wird.

Ich wünsche Ihnen allen ein angenehmes Wochenende. Von mir lesen Sie planmäßig wieder am kommenden Freitag (15. Oktober).

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

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Alexander von Parseval