Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

in den vergangenen 4 Wochen präsentierten sich die meisten wichtigen Aktienmärkte schwach. So verlor etwa der DAX auf Monatssicht etwa 4,5 %. Auch die Wachstumsaktien des NADDAQ 100 machten im Schnitt keinen Meter mehr. Welche Faktoren störten den Markt?

Kurzfristig: Der Angriff der Omikron-Variante kam überraschend. Zwar haben wir mittlerweile Grund zur Annahme, dass diese Mutante nicht so gefährlich wie etwa die zuvor dominierende Delta-Variante ist. Aber auch schon ohne Omikron hatte sich das Infektionsgeschehen in großen Teilen Europa sehr ungünstig entwickelt. Das Virus ist also zäh, wie die letzten Wochen nochmals eindrücklich bewiesen haben. Und vor allem, es ist schwer berechenbar. Jede Woche kann irgendwo in dieser Welt eine neue Mutante entstehen.

Langfristig: Auch die neue Inflation hat sich bisher als weit zäher und beständiger herausgestellt als zuvor prognostiziert. So leitet die US-Notenbank nun eine vorsichtige geldpolitische Trendwende ein und wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2022 erstmals seit vielen Jahren den Leitzins wieder anheben.

Dabei ist es derzeit nicht absehbar, ob es die US-Währungshüter bei einer eher kosmetischen Korrektur der Geldpolitik belassen (können). Oder ob uns ab 2022 gleich mehrere Zinserhöhungen in enger Abfolge – der sog. Zinserhöhungspfad – ins Haus stehen. Diese Unklarheit mögen Börsianer nicht.

So droht uns möglicherweise im kommenden Jahr ein Rückgang der Konjunktur kombiniert mit steigenden Marktzinsen. Daraus müssen wir jetzt nicht gleich ein Crash-Szenario basteln. Dennoch, in einem solchen Umfeld sind bedeutende Kursgewinne unmöglich.

Aufgrund der unklaren Marktlage ziehe ich daher zunächst alle bisher noch aktiven Kaufempfehlungen des Trenddepots zurück und stufe die Positionen als Halteposition ein. Ich sehe im Moment für uns keinen Kaufmarkt.

Jenoptik fokussiert sich auf Optik-Geschäft – Aktie gegen den Trend stark

Das thüringische Unternehmen Jenoptik wird sich im kommenden Jahr von seiner Tochter Vincorion trennen. Zu diesem Zweck wird das Unternehmen zu einem ungenannten Preis an den Finanzinvestor STAR Capital veräußert. Das Tochter-Unternehmen entwickelt und produziert vor allem Stromgeneratoren und andere elektronische Komponenten für die Branchen Verteidigung und Logistik. Vincorion erzielte in der Vergangenheit eine operative Gewinnmarge von rund 11 % und war damit deutlicher ertragsschwächer als die übrigen Jenoptik-Einheiten.

Mit der weiteren Fokussierung auf das Sensorgeschäft wird Jenoptik sein Gewinnprofil dauerhaft verbessern. Außerdem fließen den Thüringern nach meinen konservativen Berechnungen nun mindestens frische Mittel in Höhe von 100 Millionen Euro zu, die nun anderweitig zur Finanzierung weiteren Wachstums zu Verfügung stehen.

Chartkommentar 1 Jahr: Die Aktie entwickelt sich seit etwa Mitte des Jahres dynamisch aufwärts. Kurzfristig rechne ich nun mit einer Korrektur. Solange sich der Kurs dabei über der hier grün eingezeichneten Aufwärtslinie hält, wäre ein solcher Kursrücksetzer unproblematisch.

Die Transaktion wird am Markt begrüßt. So verbesserte sich die Aktie auf Monatssicht um knapp 5 %. Wir bleiben zunächst investiert

SoftBank: Kartellwächter ruinieren Milliarden-Transaktion

Im vergangenen Jahr hat der japanische Risikokapitalgeber SoftBank den Verkauf seiner Beteiligung ARM Ltd. an den US-Chipdesigner Nvidia vereinbart. Danach sollten den Japanern insgesamt 40 Milliarden USD zufließen. Ferner sollte man im Rahmen der Transaktion eine Aktienbeteiligung in Höhe von 10 % an Nvidia übernehmen. Auf Basis des aktuellen Kurses der Nvidia-Aktie hätte die Transaktion momentan einen Wert von 75 Milliarden USD.

Nun grätschen kurz vor Abschluss diverse Kartellbehörden dazwischen. So hat die Federal Trade Commission (FTC) den Zusammenschluss der beiden Chip-Spezialisten zunächst untersagt. Die US-Behörde befürchtet die Entstehung eines Chip-Giganten, dessen technologische Führerschaft die Konkurrenz im Markt erheblich einschränkt. Tatsächlich beruhen rund 90 % der diversen Smartphone-Modelle auf der sog. ARM-Architektur. Auch die Kartellbehörden in London und Brüssel äußerten sich zuletzt ähnlich.

Das sieht nicht gut aus für SoftBank. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Transaktion zumindest in ihrer ursprünglich geplanten Form nicht zustande kommen wird. Trotzdem: Das Veto der FTC macht das britische Unternehmen ARM bestimmt nicht wertlos. Denn SoftBank hat die Möglichkeit, die Milliarden-Beteiligung im Rahmen eines Börsengangs zu veräußern.

Ein solch großer Börsengang verlangt allerdings eine mehrmonatige Vorbereitung. Zudem ist der Erfolg eines Börsengangs im Vorfeld nie garantiert und kann immer noch aufgrund von widrigen Marktbedingungen im letzten Augenblick scheitern. Solche Verzögerungen und Unsicherheit mögen Investoren naturgemäß nicht. Das Trostpflaster für SoftBank: Nvidia muss den Japanern eine Entschädigung in Höhe von 1,25 Milliarden USD bezahlen, sofern der Zusammenschluss bis September 2022 nicht abgeschlossen werden kann.

Ungeachtet des Rückschlags für SoftBank bleiben wir in der Aktie bis auf Weiteres investiert. Früher oder später wird den Japanern der (lukrative) Verkauf der Beteiligung gelingen.

VW: Chipmangel belastet China-Geschäft

Der VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess hat die Absatzprognose für das wichtige China-geschäft reduziert. Unter dem Strich werden die Norddeutschen im laufenden Jahr wohl nur rund 80.000 E-Autos im Reich der Mitte verkaufen. Ursprünglich hatte man die Marke von 100.000 angepeilt. Im nächsten Jahr will man allerdings die Scharte wieder auswetzen und plant 160.000 E-Autos für China.

Dabei beruht die revidierte Prognose weniger auf fehlender Nachfrage, sondern auf dem anhaltenden Chipmangel, der zunehmend auch die Sparte E-Mobilität sowie die Premiummarken Audi und Porsche betrifft. Bislang hat die Unternehmensführung diese 3 Einheiten bei der Versorgung mit elektronischen Komponenten bevorzugt behandelt.

Unterdessen hält der Machtkampf in Wolfsburg an. Zuletzt hatte vor allem die Arbeitnehmerseite massiv Kritik am Vorstandsvorsitzenden geübt, nachdem der zuvor einen weitreichenden Stellenabbau angekündigt hatte. Zuletzt äußerten sich auch die Vertreter des Bundeslandes Niedersachsen im Aufsichtsrat kritisch zum Topmanager. In den Medien wird derzeit wieder einmal über die Ablösung des Österreichers als Vorstandsvorsitzender spekuliert.

Derzeit bereitet uns die VW-Aktie keine Freude. Generell bewerte ich das periodisch auftretende Getöse in Wolfsburg nicht über. Diess hat VW in den vergangenen Jahren zur Nummer 2 im Markt für E-Autos gemacht. Solche Fakten zählen langfristig. Ferner gehe ich davon aus, dass VW die diesjährigen Produktionsausfälle 2022 aufholen wird. Hier gilt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Grundsätzlich erwarte ich, dass VW im kommenden Jahr unter dem Strich hervorragend abschneiden wird. Diese Prognose setzt natürlich voraus, dass sich der Chipmarkt in absehbarer Zeit entspannen wird.

Eigentlich ist die VW-Aktie momentan stark unterbewertet und wäre damit ein klarer Kauf. Aufgrund der allgemeinen Marktschwäche führe ich die Autoaktie dennoch zunächst als Halten-Position.

Verisk Analytics: Risikoanalyse als geheimer Wachstumsmarkt

Im vergangenen Jahr haben die Unternehmen der Versicherungsbranche fast 9 Milliarden USD für interne und externe Risikoanalyse ausgegeben. Marktforscher erwarten, dass diese Ausgaben bis 2026 dynamisch um rund 15 % pro Jahr wachsen werden. 2026 soll dieser Markt schließlich über 20 Milliarden USD wiegen. Verisk Analytics agiert als Marktführer in diesem Segment. Ferner tummeln sich hier mit einigen Angeboten klassische Software-Unternehmen wie etwa Oracle, Salesforce oder Microsoft. Richtig gefährlich werden die allerdings dem Spezialisten Verisk sicherlich nicht.

Generell gehört das Segment der versicherungstechnischen Risikoanalyse (Insurance Analytics) quasi zu den geheimen und allgemein unterschätzten Wachstumsmärkten. Dabei ist das Geschäftsmodell der Risikoschätzer kaum konjunktur-sensibel. Daran haben sich die Investoren zuletzt nochmals zu Recht erinnert und die Aktie der Verisk gegen den Trend hochgekauft. So kam der Titel in den vergangenen 4 Wochen um knapp 7 % voran.

Halten Sie an der konservativen Wachstumsaktie der Verisk Analytics weiterhin fest.

Zum Abschluss: Beachten Sie bitte, dass ich die jüngste Kaufempfehlung Canadian Solar nun im Trenddepot führe. Von mir lesen Sie planmäßig wieder am kommenden Freitag (10. Dezember).

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Alexander von Parseval