Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

die Euro-Währungshüter der EZB werden mit Wirkung zum 1. Juli das Anleihenkaufprogramm beenden. Man wird also keine neuen Anleihen mehr erwerben, sondern nur noch den Gegenwert getilgter Anleihen in den Markt geben. In diesem Punkt stellt man also die Geldpolitik auf neutral.

Gleichzeitig wird man den Leitzins erstmals seit 11 Jahren um einen Viertelpunkt anheben. Im September wird dann mutmaßlich ein zweiter Zinsschritt in die gleiche Richtung folgen. Hier strafft man also.

Die Maßnahmen waren praktisch bis ins Detail genau so erwartet worden. Endlich nehmen unsere Währungshüter den Kampf gegen die Inflation auf, um die Kaufkraft unserer Währung wieder zu verbessern. Die Maßnahmen werden zunächst schmerzhaft sein, was sich in dieser Woche auch am Aktienmarkt widerspiegelte. So verlor der DAX rund 2 %, während sich US-Wachstumsaktien gemessen am NASDAQ 100 um über 4 % ermäßigten.

Ich wiederhole mich: Die EZB macht nun ernst und spricht Tacheles. Hier zwei Kernaussagen aus der Pressekonferenz: „Die Inflation liegt weit über unserem Zielwert und wird noch einige Zeit hoch bleiben.“ Damit sagt man uns durch die Blume: Der Leitzins muss mehrfach und in Folge angehoben werden, ungefähr nach dem Vorbild der US-Notenbank.

Die zweite Kernaussage: „Die Wirtschaft wird in nächster Zeit langsamer wachsen.“ Die Botschaft hier: Wir können nur eingeschränkt Rücksicht auf die europäische Konjunktur nehmen. Es kann Kollateralschäden geben, also eine spürbar abgekühlte Wirtschaft.

Für uns als Börsianer lesen sich diese Kernaussagen nicht eben angenehm. Trotzdem handelt die EZB richtig und angemessen. Man kann die Inflation nicht laufen lassen, da sie den privaten Konsum beschädigen wird und zudem die Gewinne der Unternehmen laufend zusammenpresst.

Heute erfahren wir die US-Inflationsdaten aus dem Monat Mai. Ich will an dieser Stelle nicht spekulieren. Ich befürchte allerdings, dass diese Daten noch nicht wie gewünscht ausfallen werden. Im vierten Quartal sollten allerdings in den USA die Maßnahmen der Notenbank spürbare und konstruktive Resultate zeigen. Ich gehe davon aus, sobald die Inflationsdynamik abkühlen wird, wird sich der Aktienmarkt ganz allgemein – also auch in Europa – befestigen.

Die geldpolitische Wende der EZB sollte dann 2023 gute Früchte tragen. Natürlich haben die Währungshüter in Washington und Frankfurt zu spät reagiert. Man hat zu lange zugeschaut, wie etwa in den USA und jetzt auch in Deutschland die Teuerung auf rund 8 % angeschwollen ist.

Lobenswert ist freilich, dass man offensichtlich keine Rücksicht auf die hohe Staatsverschuldung in den USA oder auch Südeuropa nimmt. Dieses Problem muss die Politik lösen und nicht die Geldpolitik. Die Investoren vertrauen der geldpolitischen Wende. So ist auch die zuvor befürchtete Flucht in den sicheren Hafen Gold ausgeblieben. Das Edelmetall stagniert bereits seit vielen Monaten.

Ich fasse zusammen: Kurzfristig wird uns der Markt jenseits bekannter Nischen wie Öl/Gas wenig Rendite anbieten. Dennoch rückt die Wende allmählich näher. Stand heute sehe ich die westlichen Aktienmärkte im vierten Quartal wieder stabil. Dann werden die geldpolitischen Maßnahmen fruchten und damit das Marktumfeld für die Unternehmen spürbar verbessern. 

VW steuert um: Mehr Nordamerika, weniger China 

Die Kernmarke VW versagt im US-Markt streng genommen fast schon seit Jahrzehnten. Dort punktet man vor allem mit den Premiummarken Porsche und Audi. Den Massenmarkt hingegen haben die Norddeutschen in den USA nie erfolgreich betreten. Höhepunkt des Misserfolgs war der sog. Dieselskandal, als man den dortigen Autofahrern die deutsche Diesel-Technik aufzwingen wollte. Den Ausgang dieser „Produktoffensive“ kennen wir alle.

Jetzt hat man allerdings möglicherweise den Hebel für den wichtigen US-Automarkt gefunden. Stichwort hier: E-Mobilität. So wird nächstens der vollelektrische Kompakt-SUV ID.4 für Nordamerika am Standort Chattanooga (Tennessee) produziert. Bislang wurde das Modell für Nordamerika am Standort Zwickau (Sachsen) montiert. Auch aufgrund der zuletzt massiv gestiegenen Transportkosten war das keine gute Lösung.

Mehr noch: VW wird sich nun nächstens in den USA frisch als E-Autobauer präsentieren und damit genau die Fahrzeuge liefern, die der US-Autofahrer auch tatsächlich wünscht. Stand heute ist die Produktion des ID.4 bereits bis Ende des Jahres ausverkauft

Generell soll der Marktanteil der Kernmarke in den USA ausgebaut werden. Ziel ist dabei auch, die hohe Abhängigkeit – gemessen an Umsatz und Gewinn – vom chinesischen Markt zu reduzieren. Dazu soll allerdings nicht das China-Geschäft künstlich geschrumpft werden, sondern eben der prozentuale Anteil des US-Umsatzes angehoben werden. 

Ein kleines Problem: Der US-Arbeitsmarkt ist ziemlich leergefegt. So bezahlt VW derzeit in Chattanooga ein Antrittsgeld in Höhe von 3.000 USD für neue Mitarbeiter. Insgesamt muss man 1.000 Stellen besetzen. Bislang ist es aber den Autobauern gelungen, erhöhte Produktionskosten nahezu vollständig auf den Endkunden umzuwälzen.   

Die Gegenwart des Autobauers ist ziemlich rosig. Ich halte die VW-Aktie und auch andere Auto-Aktien für unterbewertet. Wir bleiben zunächst investiert. Neuleser fassen zu, sobald der Aktienmarkt wieder dreht. Hier werde ich Sie dann natürlich entsprechend informieren.  

Wir sichern Verisk Analytics durch Stopp Loss ab 

Die anhaltende Kursschwäche der Verisk-Aktie ist mir nicht ganz erklärlich. Ich hatte die im Kern eher konservative Aktie im aktuellen Marktumfeld stabiler erwartet. Der Nachrichtenfluss aus dem US-Unternehmen ist auch nicht schlecht. So wird künftig auch der US-Regionalversicherer West Bend Mutual die LightSpeed-Anwendung der Verisk zur Risikoanalyse nutzen.

Richtig ist, dass die Analysten in den vergangenen 3 Monaten die Gewinnschätzungen 2022 pro Aktie leicht, nämlich um 2,9 % reduziert haben. Diese Gewinnrevision ist allerdings wirklich moderat. Zum Vergleich: Die Apple-Konsensschätzungen wurden im gleichen Zeitraum über 7 % zurückgenommen.  

Auch wenn ich persönlich den Kursrückgang der Verisk-Aktie mindestens für übertrieben halte, ziehe ich hier nun zur Absicherung ein Stopp Loss ein, damit wir hier nicht nennenswert in den Verlust rutschen können.

Setzen Sie jetzt bitte in New York ein Stop-Loss bei 160,90 USD! Handeln Sie hierzulande, dann setzen Sie das Stop-Loss bei 151,80 Euro.  

Korrektur: Schlumberger eine attraktive Halten-Position

In der vergangenen Wochenausgabe des RENDITE TELEGRAMM hatte ich die Aktie der Schlumberger von Kaufen auf Halten herabgesetzt. Anschließend hatte ich leider versäumt, diese Neueinstufung ebenfalls in der Ansicht des Trenddepots zu vermerken. Dort führte ich die Position weiter als Kauf bis 42 USD. Hier schaffe ich nun Klarheit.

Die Schlumberger hat uns seit Kauf (Ende Januar) einen schönen Buchgewinn in Höhe von rund 42 % beschert. Daher ist die US-Aktie zunächst kein Kauf mehr, allerdings eine attraktive Halten-Position. Wir lassen die Kursgewinne einfach weiterlaufen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Alexander von Parseval