Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

sind Sie schon der Depression nahe? Der gegenwärtige Nachrichtencocktail liest sich in der Tat auf den ersten Blick ziemlich toxisch. Ein typisches Beispiel: Am kommenden Montag startet die alljährliche Inspektion und Wartung der Pipeline Nordstream 1. Dieser Vorgang wird dann planmäßig am 21. Juli abgeschlossen werden. Anschließend wird uns der Kreml sehr wahrscheinlich informieren, dass man die Anlage zunächst nicht mehr befüllen wird. Konkret: Der Kreml dreht Deutschland und Europa den Gashahn noch enger.

Die Marktreaktion sehen wir schon. Der für Deutschland relevante Gaspreis (TTF Gas) hat sich auf Monatssicht (!) mehr als verdoppelt. Das darf man mit Fug und Recht als weiteren Gasschock beschreiben. So titelt das Handelsblatt heute vom bevorstehenden „Notstandswinter“.

Die warme Dusche und das Vollbad wird für uns also sehr absehbar zu einem kostspieligen Ereignis. Gleichzeitig werden Industrie-Unternehmen wie ThyssenKrupp oder BASF nächstens energie-intensive Produktion zurückfahren müssen, weil sie sich betriebswirtschaftlich einfach nicht mehr rechnet.

Das ist nicht unbedingt der Stoff, aus dem die nächste Hausse gemacht wird, oder? Was ich Ihnen kurz geschildert habe, ist die europäische Perspektive. Aber Deutschland oder Österreich sind nicht der Nabel des Rohstoffmarktes.

Schauen wir uns die übergeordnete, also globale Perspektive an! Die liest sich für uns ungleich angenehmer. Einige Zahlen: US-Gas sackt auf Monatssicht um über 30 % ab. Auch Öl tendiert seit einigen Wochen ziemlich weich. Europäisches Brent-Öl verlor zum Vormonat fast 13 %. Die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel wackelt. Kurzer Einschub: Deshalb mussten wir die Aktie des Ölfelddienstleisters Schlumberger entsorgen.

Außerdem recht interessant: Heute hat die Welternährungsorganisation der UN (FAO) gemeldet, dass die Lebensmittelpreise – also etwa Mais, Palmöl, Weizen oder Sojabohnen – den dritten Monat in Folge rückläufig waren.

Sie haben meine Argumentation schon längst versstanden: Der straffe Inflationsdruck im Markt wird in den kommenden Monaten spürbar nachlassen. Diese Perspektive wiederum bremst den zuletzt starken Zinsanstieg. So verringerte sich die Rendite der 10jährigen US-Benchmark-Anleihe (10 year T-Note) zuletzt von 3,5 auf rund 3 %. Zur Vermeidung von Missverständnissen: Ich gehe unverändert von steigenden Zinsen aus. Allerdings, der Anstieg der Marktzinsen wird deutlich flacher ausfallen, als wir noch vor 4 bis 6 Wochen vermutet haben.

Nochmal zurück zum akuten Gasmangel in Europa: Das Problem ist nicht unbedingt, dass in dieser Welt das Gas fehlt. Das Problem ist: Es ist eben nicht bei uns und wird dort auch nicht ganz kurzfristig ankommen, weil uns noch die Kapazitäten zur Aufnahme von Flüssiggas fehlen. Aufgrund fehlender Infrastruktur und Logistik ist der Gasmarkt also gespalten. In Europa schießen die Preise über, während sie im arabischen Raum oder in Nordamerika bereits absacken.

Diese Marktspaltung ist allerdings vorübergehender Natur, da Europa mit Beginn des nächsten Jahres durch umfassende Flüssiggas-Lieferungen wieder an den Weltmarkt angeschlossen wird. Im kom-menden Jahr werden die Gaspreise also hierzulande oder auch in Österreich purzeln.

Ich bin gerade in Laune und habe gleich noch eine positive Nachricht für Sie. Wussten Sie schon, dass der viel zitierte Chipmangel nächstens Geschichte sein wird? Die Lieferketten sind nach zwei quälend langen Jahren endlich repariert. So planen die marktführenden Auftragsfertiger wie Samsung, TSMC aus Taiwan oder Globalfoundries, bis Jahresende Produktionskapazitäten in Höhe von durchschnittlich 10 % offline zu stellen. Warum tut man das? Man befürchtet völlig zu Recht einen Chip-Überhang im Markt. 

21. Juli: Diesen Stolperstein haben wir noch vor uns  

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Es ist nicht meine Absicht, den aktuellen Bärenmarkt schöner zu schreiben, als er ist. Fraglos haben wir noch ein richtig schwieriges Datum vor der Brust, nämlich den 21. Juli. Wie gesagt, spätestens dann wird wohl die Information in den Markt kommen, dass uns Russland nicht mehr oder nur noch über Neben-Pipelines mit Gas versorgen wird. Dieses Ereignis wird den Aktienmarkt schon noch einmal bewegen.

Also: Bis zum 21. Juli werden wir den Orderfinger wie zuletzt noch schonen und unser Cash aus den letzten Verkäufen zusammenhalten. Danach gehen wir dann wieder ran an den Markt.

Linde: Konkurrenz steigt in die Massenproduktion von Elektrolyseuren ein 

Sicherheitshalber bestätige ich nochmals meine Kaufempfehlung für die Aktie der Linde. Zuletzt hat sich der Titel in Richtung unseres Abstauberlimits (252 Euro) entwickelt. Ich bin zuversichtlich, dass wir hier – wie geplant – Ende Juli zum Zug kommen werden. Zur Info: Linde wird am 28. Juli Quartalszahlen melden. Ich habe diesen Termin für Sie im Kopf und im Terminkalender.

Unterdessen wurde bekannt, dass der große Linde-Konkurrent Air Liquide mit Siemens Energy ein Gemeinschaftsunternehmen bilden wird. Im kommenden Jahr wird dann das franko-deutsche Duo in die Massenfertigung von Elektrolyseuren einsteigen. Ich zitiere aus der Original-Meldung: Man wird den „Kunden Zugang zu großen Mengen an wettbewerbsfähigem erneuerbarem Wasserstoff verschaffen“.

Die Nachricht bestätigt meine Vermutung aus der Empfehlung: Der Wasserstoffmarkt entwickelt sich aus der Nische bzw. Kleinstproduktion in den Massenmarkt. Generell ist das Momentum auf der Seite der Wasserstoff-Player. Die Preisauftrieb für Treibstoffe oder Strom macht das Gas immer konkurrenzfähiger. Diesen letzten Schub haben Unternehmen wie Linde oder Air Liquide gebraucht.

Wir belassen die Kauforder mit Limit von 252 Euro unverändert im Markt.

Tomra-Aktie versucht Ausbruch – Aktie auf Wochensicht stark  Die Aktie des Spezialisten für Rücknahme- und Sortiersysteme, Tomra Systems, entwickelte sich zur Vorwoche erneut sehr erfreulich. Insgesamt schaffte der Titel fast 9 % Kurszuwachs. Neue Nachrichten von Relevanz habe ich freilich nicht ausmachen können. Offenbar wirken hier die positiven Aussagen der Analystenkonferenz aus der Vorwoche nach.

Chartkommentar: Wenn Sie ganz genau in den Chart schauen, erkennen Sie ein (kleines) Kaufsignal. Die Aktie hat zuletzt den seit Jahresanfang wirksamen Korrekturtrend – rote Linie – gebrochen. Im gegenwärtigen Marktumfeld würde ich diesen Trendbruch allerdings nicht überbewerten. Kurzfristig halte ich den nächsten Freitag (15. Juli) für wichtiger. Da werden die Norweger aus dem abgelaufenen Quartal berichten.

Generell gilt: Wir halten an dem gesetzten Abstauberlimit von 16,10 Euro fest. Nach den Quartalszahlen können wir hier immer noch nachjustieren, sofern das Kauflimit weiterhin nicht erreicht wird.

L&G Clean Energy:

Klimawandel in Kriegszeiten nicht mehr relevant?

Wenn Sie in diesen Tagen einen Ukrainer fragen, welche Entwicklung ihn momentan besonders ängstigt, dann wird er sicherlich nicht die Bedrohung Klimaerwärmung nennen. Börsianer haben zuletzt diese Frage übrigens ungefähr ähnlich beantwortet und eher Rüstungs- als Klima-Aktien gekauft. Dennoch: Die Positionen des L&G Clean Energy ETFs haben sich spürbar besser geschlagen als der NASDAQ 100, der S&P 500 oder der DAX.

Konkret liegen Sie hier rund 10 % vor dem DAX. Diese relative Besser-Entwicklung ist für uns natürlich nur ein schwacher Trost. Aber, so ganz falsch waren wir hier offensichtlich nicht.  

Zu meiner Eingangsfrage zurück! Viele Investoren befürchten, dass sich Deutschland und auch viele andere europäische Länder aufgrund des Ukrainekriegs mindestens mittelfristig von ihren Klimazielen verabschiedet. Als Beleg hierfür nimmt man den nun anstehenden Aufbau der Flüssiggas-Infrastruktur. Man befürchtet, damit wird sich der fossile Brennstoff Flüssiggas im Energiemix festsetzen und die Perspektive für Klima-Unternehmen schmälern.

Das ist nicht so. Der Ausbau der Gas-Infrastruktur ist kein Rückschritt. Es ist richtig, in den nächsten Monaten wird in Europa viel Flüssiggas bzw. Erdgas gepumpt. In ein oder zwei Jahren werden wir allerdings durch dieselben Rohre und Anlagen grünen Wasserstoff schicken. Mehr noch: Ich behaupte, wir werden in den nächsten Jahren nie mehr nennenswert fossile Energieträger aus Russland beziehen.

Diese ausbleibenden Lieferungen können wir nicht eins zu eins aus den USA oder aus Katar ersetzen. Dagegen spricht am Ende die enorme räumliche Distanz. Anders formuliert: Wir werden russisches Gas und Öl durch Wasserstoff, Wind und Photovoltaik ersetzen. Langfristig wird der Ukrainekrieg als Beschleuniger für die Klima-Branche funktionieren.

Ich bestätige folglich meine langfristige Kaufempfehlung für den Clean Energy-ETF. Wer nun im Sinne meines Marktkommentars mit der Anschaffung des ETF-Fonds bis Ende Juli warten möchte, soll das tun. Das ist bestimmt nicht falsch, aber – Entschuldigen Sie bitte die blöde Wendung!langfristig bestimmt nicht kriegsentscheidend.  

So, liebe Freundinnen und Freunde der Börse, es ist noch lange nicht gut am Markt. Aber ich sehe gute Chancen, dass der Schwach-Markt weit früher dreht, als viele von uns derzeit vermuten. In dem Sinne wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende. Von mir „hören“ Sie wieder am nächsten Freitag, unter anderem mit den Zahlen von Tomra. Sie drücken natürlich den Norwegern die Daumen!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Alexander von Parseval

P.S. Die VW-Aktie springt gerade an. Hintergrund: Die Norddeutschen arbeiten am Börsengang der Porsche-Tochter. Mehr dazu nächste Woche.