Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

er hat es wieder einmal getan, der Jerome Powell. Die US-Währungshüter haben den Leitzins in dieser Woche erneut um drei Viertelpunkte angehoben. Wieder einmal viel Holz! Allerdings waren zuvor Sorgen im Markt, dass die US-Notenbank diesmal sogar um ein glattes Prozent anheben würde. Aus dieser Perspektive betrachtet war der Drei-Viertelschritt für die Investoren also annehmbar.

Noch eine konstruktive Botschaft: Rhetorisch hat Jerome Powell in jedem Fall abgerüstet. Er hält es für möglich, dass die kommenden Zinsschritte kleiner ausfallen können. Lange Rede kurzer Sinn: Die Zinsproblematik ist zumindest kurzfristig vom Tisch, sodass sich die Investoren wieder den frischen Quartalszahlen widmen können.

Und hier finden wir recht konstruktive Ansätze vor. So musste das Leuchtturm-Unternehmen Apple zwar einen Gewinnrückgang in Höhe von 11 % aus dem abgelaufenen Quartal berichten. Bedenkt man freilich, dass Apple im Oktober sein nächstes 5G-fähiges Smartphone präsentieren wird, relativiert sich der Misserfolg. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Kunden im Vorfeld von Neueinführungen mit Anschaffungen zurückhalten. Ferner zeigte sich CEO Jim Cook optimistisch, dass eine allgemeine Konjunkturabkühlung den Absatz der iPhone-Geräte nicht unbedingt beschädigen muss.

Auch die Amazon-Zahlen kamen am Markt recht gut an. Zwar musste man einen satten Quartalsverlust in Höhe von 2 Milliarden USD verbuchen, immerhin schon der zweite Quartalsverlust in Folge. Dennoch: Ein zweiter Blick verrät schnell, dass das operative Geschäft des E-Commerce-Giganten ist völlig intakt und ist gemessen am Umsatz weiterhin gewachsen. Allerdings musste man eine Wertberichtigung auf seinen Anteil am E-Autobauer Rivian Automotive in Höhe von 3,9 Milliarden USD vornehmen.

Amazon hält seit 2021 rund 20 % am Startup Rivian. Dabei hat man die Aktien ziemlich teuer eingekauft. Nach einem satten Kursrücksetzer der Rivian-Aktie war nun die Beteiligung in der Bilanz zu berichtigen. Diese Maßnahme ist steuerlich relevant, aber nicht mehr cash-wirksam, da das Kapital bereits in den vergangenen Jahren abgeflossen ist.

So bleibt nach dieser Börsenwoche folgende Erkenntnis zurück: Die Unternehmen bereiten sich auf eine Konjunkturabkühlung vor. Klar ist, man wird nicht gleich in den nächsten ein bis zwei Quartalen gemessen am Gewinn wieder auf Rekordjagd gehen können. Andererseits haben die Investoren die begründete Hoffnung, dass bei den meisten Unternehmen – trotz aufziehender Rezession – dramatische Gewinneinbrüche ausbleiben werden.  

Erste Anzeichen für eine Marktstabilisierung  

Insgesamt ist in den vergangenen Wochen doch ein gewisser Realismus am Aktienmarkt eingekehrt. Investoren schmeißen nicht mehr jede Aktie wahllos weg, wenn das entsprechende Unternehmen einmal einen Gewinnrückgang meldet. Dabei helfen mittlerweile natürlich auch die ermäßigten Bewertungen.

Beispiel: Die Apple-Aktie ist aktuell etwa mit dem 25fachen des für 2022 erwarteten Gewinns bewertet (KGV). Zum Vergleich: 2020 haben die Investoren der Aktie einen KGV-Faktor von 34 zugestanden. Anders formuliert: Die Korrektur der vergangenen Monate wirkt sich allmählich konstruktiv aus.

Leider ist in Europa der Nachrichtenmix noch eher kritisch. So lese ich gerade, dass die Inflation in der Euro-Zone im Juni auf fast 9 % angestiegen ist. Baltische Verbraucher müssen aktuell sogar mit Teuerungsraten von rund 20 % umgehen. Das ist völlig offensichtlich: Hier muss und wird die EZB reagieren.

Im Hintergrund schwelt daneben unverändert die ungeklärte Frage der Gasversorgung. So überrascht es auch nicht, dass der DAX in dieser Woche – mit einem Zuwachs von rund 1 % – nicht so wirklich aus den Schuhen kam. Der S&P 500 hingegen machte auf Wochensicht fast 3,5 %. Ich gehe davon aus, dass die relative Schwachentwicklung (Underperformance) der europäischen Aktienmärkte erst einmal anhalten wird. Erst wenn die dringendsten Fragen unserer Gasversorgung halbwegs beantwortet sind, wird Europa wieder aufholen.

Zum Abschluss nochmals zur Berichtsaison zurück: Zuletzt haben auch unsere Depotpositionen wie VW und Umicore ihre Bücher geöffnet. Ferner berichtete unser Kaufkandidat Linde. Da muss ich Sie gleich vorwarnen: In der bevorstehenden Hauptausgabe (2. August) werde ich Ihnen ein kleines Zahlenmeer präsentieren. Diesmal werden Sie also eine eher trockene Lektüre haben. Aber, das kann ich jetzt schon versprechen, die Lektüre wird Sie recht glücklich machen.

Außerdem werde ich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine brandneue Kaufempfehlung für Sie haben. Da schwebt mir die Aktie eines US-Medizintechnikers vor, die in den nächsten Tagen ein starkes Kaufsignal generieren kann. Ich bin selbst schon sehr gespannt.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende. Bis zum nächsten Dienstag!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Alexander von Parseval

P.S.: Bitte beachten Sie, dass ich zwischenzeitlich die Aktie der Franco Nevada – wie von mir zuvor empfohlen – veräußert habe. In diesem Zusammenhang kam zuletzt die Frage auf, wie ich die Performance von Dollar-Aktien im Trenddepot messe. Dazu lesen Sie meine Erklärungen in der bevorstehenden Hauptausgabe.