Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

da haben wir wieder einmal alle Zutaten des Selbstbetrugs perfekt angemischt. Hartnäckig hielt sich im Oktober die Hoffnung im Markt, dass die US-Notenbank Fed die Zügel der Geldpolitik nächstens zumindest etwas lockerer hält als zuvor. So kauften die Investoren die Indizes im Oktober gleich einmal hoch und schoben beispielsweise den DAX wieder über die Marke von 13.000 Punkten. 

Da ist der deutsche Leitindex jetzt immer noch. Trotzdem sind wir wieder einmal alle halb depressiv. Denn die Fed hat nicht geliefert, wie wir uns als Börsianer das vorgestellt hatten. Sicher, in dieser Woche haben die US-Währungshüter sehr wahrscheinlich zum letzten Mal den Leitzins um 0,75 % erhöht. Nun kommen aber die mittelschweren Zinshammer in der Größenordnung von 0,5 %. 

Dieser Realität müssen wir uns stellen: Von einer Zinspause sind wir noch meilenweit entfernt. Die Fed wird weiter straffen und zudem im Hintergrund zuvor gekaufte Staatsanleihen in ihrer Bilanz nicht mehr ersetzen. Volkstümlich formuliert: Die umlaufende Geldmenge wird weiter verknappt.

Diese Konstellation hat in dieser Woche vor allem den Technologie-Werten geschadet. So verlor unsere Position Rivian  über 6 %. Netflix kam auf Wochensicht fast 10 % zurück. Der Kursrückgang der Netflix spielt uns natürlich in die Karten. Nächste Woche werde ich die Kaufempfehlung voraussichtlich aktivieren, damit wir vom anlaufenden Turnaround des Videospezialisten profitieren. 

Fazit: Wir bleiben zunächst realistisch. Wir erkennen die Fed wird erst dann ihren geldpolitischen Kurs entschärfen, wenn entsprechende Daten wie Inflation oder Arbeitslosigkeit solche Schritte erlauben. Der Börse steht Jerome Powell hingegen nicht zur Verfügung. Er hat nur eine Priorität: Die Inflation muss runter. 

Dennoch bin ich ganz guter Dinge und erinnere in diesem Zusammenhang nochmals an meine letzte Prognose: Der Aktienmarkt wird sich in einem Zeitraum zwischen November und März 2023 stabilisieren und anschließend den nächsten Haussezyklus starten. Wir brauchen also schon noch etwas Geduld.     

DIC Asset senkt operative Gewinnprognose – Mieten steigen weiter 

Das Frankfurter Immobilien-Unternehmen leidet erwartungsgemäß unter dem zuletzt stark erhöhten Zinsniveau. In der Folge haben einige institutionelle Kunden der DIC Asset geplante Investitionen abgesagt bzw. ins nächste Jahr verschoben. Offenbar wurden zuletzt in Deutschland immer weniger gewerbliche Einheiten gehandelt, da die Investoren und auch Unternehmen eine Abkühlung der Konjunktur erwarten. Angesichts einer solchen Perspektive muss man nicht unbedingt die millionen-schweren Bürotürme erwerben.

So werden die Einnahmen aus dem Geschäft für Dritte (Institutional Business) im laufenden Jahr lediglich zwischen 90 und 95 Millionen Euro liegen. Zuvor hatte die Unternehmensführung diese Spanne noch zwischen 105 und 115 Millionen Euro angesetzt.  

Die Einheit Commercial Portfolio – also Immobilien im eigenen Bestand – zeigt sich unverändert robust. So ist die Nachfrage nach Mietflächen offenbar immer noch lebhaft, gleichzeitig zeigen Bestandsmieter eine hohe Bereitschaft bestehende Verträge zu verlängern.

Ferner profitiert DIC im Eigenbestand davon, dass die meisten Mietverträge indexiert sind. Zu Deutsch: Die Kaltmiete folgt der Inflation. Hier erweist sich das Immo-Unternehmen als echter Inflationsprofiteur.

Die Gewinnwarnung nahmen die Investoren eher emotionslos. Im Kern hatte man solches Nachrichtenmaterial erwartet und bereits eingepreist. So konzentrierte man sich auf den positiven Aspekt der Presseaussendung. Die Substanz der DIC Asset ist stark, und die Mieten steigen. Folglich wird die Immo-Aktie heute gekauft.

Ich rate Ihnen unverändert, an der Aktie der DIC Asset festzuhalten. Sobald ich die Zinsspitze im Euro-Raum erkenne, werde ich das Immo-Papier wieder auf Kaufen stellen.

Eine Kurzmeldung für die Leser der Premium Chancen: Auch die zuletzt von mir besprochene DIC-Anleihe entwickelt sich in die gewünschte Richtung. Sprich, die Zinsrendite von rund 10 % wird für Sie in knapp 11 Monaten Realität sein.

VW liefert sehr ordentliche Quartalszahlen – China-Geschäft treibt

Der Autobauer Volkswagen konnte im abgelaufenen Quartal nahezu alle Kennzahlen signifikant verbessern. Im Hinterkopf müssen wir dabei allerdings haben, dass der Vergleichszeitraum des Vorjahres von massiven Lieferengpässen gekennzeichnet war.

Die Zahlen im Detail: Man steigerte den Umsatz um 22 % auf 70 Milliarden Euro. Unter dem Strich lieferten die Norddeutschen fast 2,2 Millionen Einheiten aus. Damit knüpft man allmählich wieder an die starken Produktionszahlen der Vergangenheit an, als man üblicherweise rund 10 Millionen Einheiten pro Jahr von den Bändern laufen ließ.

Unverändert gilt: Ein Auto aus VW-Produktion ist sehr teuer. So verbesserte man das operative Ergebnis um 64 % auf 4,3 Milliarden Euro. Netto verdiente der Autobauer freilich nur 2,1 Milliarden Euro und damit rund 26 % weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Dieser Gewinnrückgang beruht allerdings auf Einmalbelastungen. So verbuchte VW Kosten in Höhe von 1,6 Milliarden Euro für die Stilllegung der russischen Werke sowie für den Teilbörsengang der Tochter Porsche.

Ferner hat VW 1,9 Milliarden Euro auf ein Startup namens Argo AI abgeschrieben. Zur Info: Argo AI sollte für VW und Ford die Technik für einen Selbstfahrer entwickeln. Seit einigen Tagen ist das Startup allerdings platt, sodass VW die Beteiligung nun abschreiben musste.

Nun sollen es die Chinesen richten. Zu diesem Zweck wird die Software-Tochter der VW wahrscheinlich ein Gemeinschaftsunternehmen mit Horizon Robotics ins Leben rufen. Das chinesische Software-Haus programmiert praktisch alles, sofern es sich auf vier Rädern befindet. Der Autobauer BYD arbeitet ebenfalls erfolgreich mit Horizon zusammen.

Auch auf der Kundenseite ist VW in China zuletzt wieder vorangekommen. So steigerte man die Auslieferungen im Reich der Mitte um 27 %. Daneben meldete VW auch ein Absatzplus für die Vollstromer der ID-Modellfamilie. Unter dem Strich lieferte man 22 % mehr E-Autos aus als vor Jahresfrist. Der Anteil der E-Autos an der Gesamtproduktion lag im abgelaufenen Quartal bei rund 7 %. Hier wird nächstens allerdings deutlich mehr gehen. Denn VW hat den ID.4 nun als ersten VW-Stromer auf den US-Markt gebracht. Das SUV-Modell wird gleich vor Ort in Chattanooga (Tennessee) produziert.

Unverändert gilt: Das aktuelle Kursniveau der VW-Aktie spiegelt die solide Situation im Konzern nicht wider. Die Aktie bleibt ein Kauf.

Thermo Fisher schluckt britischen Diagnosespezialisten

Der Medizintechniker Thermo Fisher wird den britischen Diagnosespezialisten The Binding Site für 2,6 Milliarden USD übernehmen. Thermo bezahlt den Verkäufer Nordic Capital bar, also ohne Aktienbestandteil. The Binding Site entwickelt Systeme zur Frühdiagnose diverser Krebserkrankungen. Ich formuliere einfach: Künftig lassen Sie sich bequem und ambulant in regelmäßigen Abständen auf diverse Krebserkrankungen testen. Solche regelmäßigen Testuntersuchungen sind ungefähr so aufwendig wie ein PCR-Test.

Das ist eine ganz großartige Vision, an der die Briten hier arbeiten. Krebsdiagnose wird dadurch einfach und günstig und schlägt idealerweise sogar in einem sehr frühen Stadium der Krankheit an. Technologisch werden die Briten Thermo Fisher ohne Frage voranbringen.

Der kleine Schönheitsfehler: Die Amerikaner greifen für The Binding Site tief in die Tasche und bezahlen als Preis fast den 12fachen Jahresumsatz. Zum Vergleich: Der deutsche Diagnosespezialist Stratec SE wird aktuell an der Börse nicht einmal mit dem fünffachen Jahresumsatz bewertet.

Fazit: Thermo Fisher tut gut daran, die Briten sofort zu integrieren und entsprechend im Gesamtkonzern „einzuordnen“, damit man gleich seine Stärken voll entfaltet.

Ich stufe die Aktie unverändert als attraktive Halten-Position ein. Nächstens plane ich – bei verbesserter Marktlage – wieder die Kaufempfehlung für Thermo Fisher.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Alexander von Parseval